Größer als Godzilla; Ein Abend für Poesie, Musik und die Begegnung mit Worten

Berichterstatter: Dawood Erfan und Mohammad Erfan

Ein Bericht von einem literarischen Abend in Leipzig – einem Ort, an dem die Poesie aus der Menge heraus entstand, Sprachen miteinander ins Gespräch kamen und jede Stimme die Chance bekam, gehört zu werden.

Leipzig, Freitag, 9. Oktober 2026

Manche Abende lassen sich nicht allein anhand einer Liste von Ereignissen erinnern. Was von solchen Nächten im Gedächtnis bleibt, ist vor allem ein Gefühl, das durch den Raum getragen wurde: die Stimmen von Menschen, die ihre Gedichte mit anderen teilen, die Musik, die sich zwischen die Worte legt, und jene Momente, in denen Fremde einander – zumindest für einige Stunden – durch die Kunst näherkommen.

An jenem Abend in Leipzig hatten wir die Gelegenheit, eine solche Atmosphäre bei einer Veranstaltung mit dem Namen „Größer als Godzilla“ zu erleben; einem literarischen Abend, bei dem Poesie kein fernes, unzugängliches Kunstwerk war, sondern ein lebendiger Teil des Lebens und der menschlichen Erfahrung.

Wenn die Poesie zu den Menschen kommt

Eines der ersten Dinge, die uns bei dieser Veranstaltung auffielen, war die freie und ungezwungene Art, in der sie stattfand. Anders als bei vielen literarischen Veranstaltungen, bei denen die Reihenfolge der Auftritte im Voraus festgelegt ist und jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Bühne tritt, konnte hier jeder aufstehen, sobald er sich bereit fühlte, zur Bühne gehen und ein eigenes Gedicht oder einen eigenen Text vortragen.

Niemand musste im Voraus ausgewählt worden sein oder eine besondere Stellung innehaben, um auf die Bühne zu kommen. Es genügte, einen Text zum Vorlesen und den Wunsch zu haben, an einem literarischen Erlebnis teilzuhaben.

In einer solchen Atmosphäre ist Poesie nicht nur etwas, dem das Publikum schweigend zuhört. Sie wird zu einer Möglichkeit, präsent zu sein, sich einzubringen und miteinander in Verbindung zu treten. Die Bühne gehört nicht ausschließlich einer bestimmten Person oder Gruppe. Jeder und jede kann sie für einige Augenblicke für sich beanspruchen und die eigenen Worte mit anderen teilen.

Zwischen Poesie und Musik

Doch dieser Abend war nicht auf Worte beschränkt. Auch die Musik war ein wichtiger Teil des Erlebnisses und verlieh dem literarischen Raum eine weitere Dimension.

Nach einigen Gedichtvorträgen fand auch die Musik ihren Platz im Programm. Die Begleitung der Gitarre zur Stimme der Sängerin oder des Sängers veränderte für eine Weile die Stimmung im Raum; als würde sich zwischen den gesprochenen Worten und den musikalischen Tönen ein unmittelbares Gespräch entwickeln.

Dieses Wechselspiel zwischen Poesie und Musik gab dem Abend Vielfalt, ohne seine innere Geschlossenheit aufzulösen. Beide Künste vermittelten Gefühle in ihrer eigenen Sprache – manchmal durch Worte, manchmal durch Klang und Melodie.

Begegnungen mit Dichterinnen und Dichtern aus dem deutschen Sprachraum

Für uns war diese Zusammenkunft mehr als nur die Teilnahme an einer kulturellen Veranstaltung. Im Laufe des Abends lernten wir einige deutschsprachige Dichterinnen und Dichter kennen und kamen mit ihnen über ihre Texte und Gedichte ins Gespräch.

Einige der Dichterinnen und Dichter, die wir an diesem Abend kennenlernten, baten wir darum, uns ihre Gedichte zur Verfügung zu stellen, damit wir sie ins Persische übersetzen und im Rahmen dieses Berichts sowie weiterer damit verbundener Beiträge veröffentlichen können.

Diese Bitte war der Beginn eines Kontakts, von dem wir hoffen, dass er zu einer Möglichkeit wird, zeitgenössische literarische Stimmen aus dem deutschen Sprachraum einem persischsprachigen Publikum vorzustellen.

Im Folgenden lesen Sie den deutschen Originaltext und die persische Übersetzung einiger Gedichte aus dieser Sammlung. Die Übersetzungen versuchen, Inhalt und Bildsprache der Gedichte ins Persische zu übertragen, auch wenn Wortspiele, Humor und manche Feinheiten der Ausgangssprache nicht immer vollständig übertragbar sind.


Gleich drei Wunder auf einmal…

Jakob Zschampert

Ein Gläubiger kniet vorm Altar,
so klein, man nimmt ihn gar nicht wahr. 
Und größer kann er auch nicht sein,
denn links und rechts fehlt je ein Bein. 
So betet er von früh bis spät,
derweil jeder vorüber geht. 
Und auch gibt’s keinen, der versteht,
wie er im Gotteshause fleht: 
„Vater, gib mir Beine!“
Aber der gab ihm keine. 


Leipzig, den 26.07.2026


 Ich bin komplett

Jakob Zschampert

Facettenreich zerstückelt mich
meine Gefühlswelt. Ritterlich
verkostümiert manch Emotion
mich wie ein Rüstkorsett. Und schon
entspannt sich mein gesamter Leib.
So ausgeglichen glücklich treib
ich vor mein Bäderspieglein
und schaue auch sogleich hinein.
Zerstückelt? Ja. Fast kleinkariert
bin ich mental fast fragmentiert.
Die Augen blicken lieblich starr,
nehmen ausschließlich Frohsinn wahr.
Die Hände halten sich entspannt
ganz lax und chillig an der Hand.
Die Haut ist gut gefärbt und schwitzt.
Der Torso wackelt ganz gewitzt
und sportlich atme im Akkord
ich mir den Lebensodem fort.
Mein Mund sagt einfach: „Alles gut.“
Doch ich besteh’ komplett aus Wut.


Altscherbitz, den 10.06.2026


 Flüssiger Krieg

Jakob Zschampert

Das Wasser ist beschützenswert,
wird durch zu viele bloß versehrt.
Von daher ist es nicht verkehrt,
wenn man des Missbrauchs sich erwehrt. 
Wir nehmen uns des Wassers an
und schützen alles Wasser dann,
dass jeder sich betrinken kann,
der uns mit Geld auch winken kann. 
So bleibt das Wasser unverdreckt,
vor Taugenichtsen gut versteckt,
auf dass es jeden wohl erqueckt,
dessen Finanzen sind gedeckt. 
Wen’s wirklich dürstet, der beweist
dies damit, dass er nicht nur dreist
das Wasser hinterschlingend speist,
doch dick ins Portemonnaie mir scheißt. 


Leipzig, den 23.09.2026


Wenn man versucht, nicht zu blinzeln

Jakob Zschampert

Das ganze schöne Himmelsblau
spannt sich am Firmament. Genau,
als wäre es ein Spannbettlaken,
welches am Horizont mit Haken
allseitig festgetackert sei,
mit Himmel voll beackert sei. 
Und wenn man diesen Himmel späht,
wie er allzeit von früh bis spät
und allweit hier und dort und quer
sich hinplauzt, wie ein Sack so schwer
und tut, als wäre, was er sagt,
stets rein und hellerlichter Tag, 
Verstehe ich, warum geblendet
und blind das ganze Volk hier endet. 


Leipzig, den 17.09.2026 


Mit Wolken wie ein Schollen-Meer

Moldy Jogger

Mit Wolken wie ein Schollen-Meer
doch umgekehrt, der Himmel ist was rettet –
nicht die Schollen – oder Wolken – wie im Meer
Wir wissen wenig, sagt man uns – äh, also – im Fernseher
Von den Tiefen,
tief im Meer so viel verborgen,
doch der Himmel, hinter Wolken
so viel tiefer noch es schwingt ins Höher
Jede Tiefe, noch so abgrundhaft ist gründig
Läuft immer zu dem Ende, wo die Höhe endlos sein kann
Abgrundhaft ist gründig heißt,
es gibt ein wirklich ganz Rock bottom,
nicht in der Höhe, nicht nach oben
dort irgendwo hinter den Wolken
weiter noch und weiter oben,
kein Halt, doch auch kein Ende.
Immer höher steigen in die Tiefen des was Alles heißt.
Aufsteigen, freier Fall und fallen,
fliegen, tauchen, Fahrt durch Raum
die Höhe hier ist bald vergangen
und für uns jetzt ist es ein von nun an
in die Tiefen des Welt-Alles starren

busfahren am morgen und müde und schollen wolken


Schon und wieder diese Schollen-Wolken

Moldy Jogger

Schon und wieder diese Schollen-Wolken:
Halten Abstand und den Anschluss,
treiben über Morgen-Himmel diesmal.
Verborgen bleibt die Tiefe/Höhe – durch das Blau,
dass Sterne gut verbergen kann und Leere …
Zerfleddern, zerfasern, sind intakt, und dann
lässt der Wind nach, oder was Macht und sie geraten,
ins stocken – wie Milch, wie Schnee,
nein nicht wirklich so wie Sachen, und vergleichbar mit- sind Wolken.
Sie erinnern daran, wecken Anschein.
sind sie überhaupt denn etwas?
Ja.
Aber…
Als sie dann am blauen Himmel zerstoben…
Da… Oben…
Da wo nichts bleibt wie es ist der Kaffee mit der Flocken-Milch –
ausgetrunken.
Weg. Verwscht. 
auf der rückfahrt, und die ssind schon wieder da die schollen wolken


Leicht, später wie ein zweiter Kaffee

Moldy Jogger

Leicht, später wie ein zweiter Kaffee,
zurück sind sie die Schollen
Stehn am Himmel – kaum ein ziehen
Jemand dort vergisst sie…
umzurühren
kalt wirkt’s nicht, es muss wohl Thermo
Das Schollen-Meer wie oben Nordpol
Klar und blau und Wärme spüren,
an Erde und den Himmel rühren
Die Schollen die ins off’ne führen
Der Himmel hoch und tief das Meer
So gehört sich’s und nicht umgekehrt
unten, hinten gibt’s die nicht. Die Oberfläche wo sie treiben,
nur so dünn und wenig, Bruchteil
Die hohen und die tief’ren Schichten
nichts zu tun mit diesen – Schollen wie im Meer
majestetisch hüll’n sie äußre Schichten
ein von unsren Sphären 
bullen story ausm buch vorlesen


Jakob Zschampert


Wenn ein Gedicht zwischen zwei Sprachen reist

Unter den Darbietungen jenes Abends hatten auch wir die Gelegenheit, einen kleinen Teil zu diesem literarischen Treffen beizutragen. Ich trug ein Gedicht auf Persisch vor, und mein Sohn präsentierte dasselbe Gedicht auf Deutsch – eine zweisprachige Erfahrung, die für uns eine besondere Bedeutung hatte.

Ein Gedicht innerhalb kurzer Zeit in zwei Sprachen zu hören, eröffnete dem Publikum die Möglichkeit, zwei unterschiedliche Sprachmelodien zu erleben. Persisch, mit seiner eigenen Klangfarbe und seinem eigenen Rhythmus, und Deutsch, mit seinen anderen Lauten und seinem anderen Takt, standen nebeneinander und brachten dasselbe Werk auf zwei verschiedenen Wegen zu den Zuhörenden.

Nach dem Auftritt stellten wir im Gespräch mit einigen Menschen, die dem Gedicht zugehört hatten, fest, dass der Rhythmus und die Melodie der persischen Sprache für sie besonders interessant und hörenswert gewesen waren. Für uns war diese Rückmeldung ermutigend, denn sie zeigte, dass ein Publikum auch dann eine Verbindung zur Musik der Worte und zur Art ihres Ausdrucks aufbauen kann, wenn es die Sprache eines Gedichts nicht versteht.

Auch wir haben Gedichte gelesen

Unter den Gedichten, die an jenem Abend in Leipzig zu hören waren, teilten auch wir eines unserer Gedichte mit den Anwesenden – ein Gedicht über die Erfahrung von Migration, den Blick auf den Menschen als „den Anderen“ und die Einsamkeit des Menschen.

Deine schwarzen Augen

Deine schwarzen Augen
sind ein Verbrechen,

dein schwarzes Haar
eine Sünde,

und dein Akzent
eine fremde Stimme.

Du bist ein Mensch mit dunkler Haut,
dessen Name
sie geschrieben haben als
„den Anderen“

und dessen Nabelschnur
sie durchs Fremdsein,
durch das rastlose Umherirren
durchtrennt haben.

Erinnerst du dich, Geliebte?

Deine schwarzen Augen
waren ein blauer Ozean,
in der Farbe aller Augen
dieser Welt.

Und dein schwarzes Haar
war die schönste Farbe
des Seins.

Und dein weizenfarbenes Gesicht
war ein Reisfeld,
in dessen Schatten
die Dichter
ihre Rast hielten.

Doch hier,

hier sind deine Augen
ein Verbrechen,

und dein schwarzes Haar
eine Sünde,

und dein Akzent
eine fremde Stimme.

Und du bist ein Mensch mit dunkler Haut,
dessen Name
sie geschrieben haben als
„den Anderen“

und dessen Nabelschnur
sie durchs Fremdsein,
durch das rastlose Umherirren
durchtrennt haben.

…

Wieder werde ich ein Gedicht
aus deinen schwarzen Augen machen,

wieder werde ich die Tar spielen
für dein wallendes schwarzes Haar.

Hier, hier,

wo der Mensch allein ist,

einsamer als der Mensch
vor Eva!

Dieses Gedicht spricht von der Veränderung der Bedeutung äußerer Merkmale in zwei unterschiedlichen Lebenswelten. Schwarze Augen, dunkles Haar und ein Akzent, die einst ganz selbstverständlich Teil der Identität eines Menschen waren, können in einer anderen Umgebung zu Merkmalen werden, anhand derer Distanz geschaffen wird.

Doch an diesem Punkt endet das Gedicht nicht. Das lyrische Ich beschließt, erneut ein Gedicht zu erschaffen und die Tar zu spielen – also mithilfe der Kunst jenes Bild des Menschen neu zu erschaffen, das ihm genommen worden ist.

Für uns war die Aufführung dieses Gedichts in zwei Sprachen eine persönliche und zugleich gemeinschaftliche Erfahrung. Persisch, die ursprüngliche Sprache des Gedichts, und Deutsch, die Sprache seiner erneuten Aufführung, begegneten einander in einem gemeinsamen Raum. Diesmal war der Unterschied zwischen den Sprachen kein Hindernis für die Verständigung, sondern selbst ein Teil des Hörerlebnisses.

Eine kleine Geste der Großzügigkeit, die zum Geist des Abends gehörte

Manchmal sagen kleine Details mehr über die Atmosphäre einer Veranstaltung aus als alles andere.

Bei dieser Veranstaltung erhielt jeder, der ein Gedicht vortrug, von den Veranstaltern ein kostenloses Getränk – eine einfache und zugleich herzliche Geste, die zur freundschaftlichen Atmosphäre des Treffens beitrug.

Diese kleine Tradition vermittelte – zusammen mit der freien Möglichkeit, die Bühne zu betreten, und der freiwilligen Beteiligung der Anwesenden an der Finanzierung der Veranstaltung – ein Bild von ihrem gemeinschaftlichen Geist.

Seit Jahren an der Seite der Poesie

Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft von „Größer als Godzilla“ ist seine kontinuierliche Präsenz in der literarischen Szene Leipzigs. Im Internet finden sich Hinweise darauf, dass dieses literarische Treffen bereits seit mehreren Jahren Teil des kulturellen Lebens der Stadt ist. So wird beispielsweise im Literaturarchiv des Jahres 2014 auf die Aktivitäten dieser Veranstaltung innerhalb der Leipziger Literaturszene hingewiesen.

Die genaue Dauer seiner Existenz und die vollständigen Einzelheiten seiner Finanzierung lassen sich jedoch allein auf Grundlage dieser Quellen nicht mit Sicherheit feststellen. Was für uns bei unserem Besuch von Bedeutung war, war die Lebendigkeit dieses Raumes – eines Raumes, in dem Menschen ihre Werke ohne formelle Zeremonien präsentieren und Teil einer gemeinsamen Erfahrung werden konnten.

Manchmal genügen ein kleiner Ort, einige Stühle, ein Mikrofon und eine Gruppe von Menschen, die sich für Literatur interessieren, damit unterschiedliche Stimmen die Gelegenheit bekommen, gehört zu werden.

Menschen, die der Poesie eine neue Bedeutung geben

Manchmal sind es nicht allein die Gedichte und Darbietungen, die eine kulturelle Veranstaltung zu einem unvergesslichen Erlebnis machen, sondern die Menschen, die einem Ort durch ihre Art und ihre Anwesenheit Leben verleihen. Für uns war eine der wichtigsten Erfahrungen dieses Abends die Begegnung mit Menschen, die uns mit Herzlichkeit, Offenheit und echtem Interesse an Literatur in ihre Gemeinschaft aufnahmen.

In diesem Zusammenhang war die Rolle von Stef, der Verantwortlichen für die Veranstaltung, für uns etwas Besonderes. Sie empfing uns nicht nur herzlich, sondern half mit ihrer Energie und ihrer bemerkenswerten Freundlichkeit dabei, Kontakte zwischen uns und den anderen Anwesenden entstehen zu lassen. Sie erzählte uns, dass sie persischsprachige Freunde habe, und stellte uns mit Interesse und Herzlichkeit der Runde vor. Außerdem lud sie andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu ein, ihre Gedichte mit uns zu teilen – eine Einladung, die Raum für neue Bekanntschaften und weitere literarische Gespräche schuf.

Was uns an ihrem Verhalten besonders auffiel, war nicht allein ihre Gastfreundschaft, sondern die Art und Weise, wie sie andere zur Beteiligung ermutigte. Ihre Begeisterung und Lebendigkeit, ihr Lächeln und ihre Bereitschaft, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, passten auf bemerkenswerte Weise zur offenen und freundschaftlichen Atmosphäre der Veranstaltung. Es schien, als wurzelte ein Teil der positiven Stimmung dieses Treffens genau in dieser herzlichen Aufnahme und in dem Wunsch, Menschen einander näherzubringen.

Für uns war die Begegnung mit Stef ein Beispiel dafür, wie ein Mensch über seine organisatorische Verantwortung hinaus zur Entstehung einer menschlichen und kulturellen Erfahrung beitragen kann. Sie half uns dabei, über die Rolle von Gästen hinauszugehen, die gerade erst zu einer Gruppe gestoßen waren, und mit einem Teil der an diesem Abend anwesenden literarischen Gemeinschaft in Kontakt zu treten.

Wenn man Poesie fühlen kann, auch wenn man ihre Sprache nicht kennt

Nach der Lesung des persischen Gedichts und seiner deutschen Aufführung hatten wir Gelegenheit, die Eindrücke einiger Anwesender zu hören. Ihre Reaktionen waren für uns besonders interessant, weil sie zeigten, dass die Verbindung zu einem Gedicht nicht immer über das vollständige Verstehen seiner Worte entstehen muss.

Frau Yasmina Rouane, die mit großer Begeisterung und Lebendigkeit Teil der literarischen Atmosphäre war und mit einem Buch mit dem Titel Komm, ich erzähle dir eine Geschichte in der Hand zu sehen war, sagte über unser persisches Gedicht:

„Obwohl ich kein Persisch kann, habe ich es tief empfunden.“

Dieser Satz bedeutete für uns mehr als nur eine positive Rückmeldung. Sie kannte die Sprache nicht, in der das Gedicht geschrieben und vorgetragen worden war, und dennoch war es ihr gelungen, auf eine bestimmte Weise mit dem darin liegenden Gefühl in Verbindung zu treten. Eine solche Reaktion erinnert daran, dass Poesie neben der Bedeutung ihrer Worte auch aus Rhythmus, Klang, Tonfall und einem Gefühl besteht, das den Zuhörer manchmal erreicht, noch bevor er die Sprache versteht.

Auch Jakob Zschampert, der Lehrer ist und über bemerkenswerte Kenntnisse und ein ausgeprägtes Interesse an Poesie verfügt, wies auf eine andere Seite dieser Erfahrung hin. Er sagte, dass die Wörter des persischen Gedichts für ihn zwar nicht verständlich seien, dass sich jedoch seine poetische Qualität und sein musikalischer Charakter wahrnehmen ließen.

Diese Perspektive machte einen wichtigen Punkt deutlich: Ein Gedicht ist nicht nur eine Ansammlung von Wörtern und Bedeutungen. Die innere Musik einer Sprache, die Art und Weise, wie Wörter nebeneinanderstehen, und der Klang einer Stimme sind ebenfalls Teil des literarischen Erlebnisses. Für die genaue Übermittlung der Bedeutung mag eine Übersetzung notwendig sein, doch das Hören des Gedichts im Original kann eine Qualität sichtbar machen, die sich nicht ohne Weiteres durch eine Übersetzung ersetzen lässt.

Für uns, die wir das Gedicht zunächst auf Persisch gelesen und anschließend dasselbe Werk auf Deutsch gehört hatten, war es wertvoll, diese Rückmeldungen zu erfahren. Wir konnten erleben, wie ein Werk in zwei Sprachen gehört werden kann und sich dem Publikum auf jedem dieser Wege ein anderes Fenster öffnet.

Jenseits der Sprache, im Raum der Begegnung

Diese Offenheit beschränkte sich natürlich nicht auf einige wenige Gespräche. Im Laufe des Abends kamen auch andere Menschen freundlich und herzlich auf uns zu, unterhielten sich mit uns und zeigten sich offen dafür, ihre Gedichte mit uns zu teilen. Gerade diese vielen Begegnungen gaben unserer Anwesenheit bei der Veranstaltung eine Bedeutung, die über die bloße Teilnahme an einem literarischen Abend hinausging.

In einem Raum, in dem jeder sein Gedicht frei vortragen, einem anderen Gedicht zuhören oder über Literatur sprechen konnte, wurde der Unterschied zwischen den Sprachen nicht zu einem Hindernis für Begegnung. Im Gegenteil: Gerade dieser Unterschied schuf Raum für Neugier, Fragen und gegenseitiges Interesse.

An diesem Abend lernten wir nicht nur deutschsprachige Dichterinnen und Dichter kennen. Wir erlebten auch, wie ein offener und aufgeschlossener kultureller Raum Verbindungen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und unterschiedlichen Lebensgeschichten ermöglichen kann.

Vielleicht zeigt sich der Wert solcher Zusammenkünfte genau an diesem Punkt: darin, dass Poesie die Grenzen von Seite und Bühne überschreitet und zu einem Anlass für menschliche Begegnung wird. Manchmal kann ein Gedicht, selbst wenn nicht jedes seiner Worte verstanden wird, ein Gespräch beginnen, das am Ende des Abends noch lange nicht zu Ende ist.

Ein Abend, der nicht mit einem Bericht endet

Wir kehrten an diesem Abend nicht nur mit einigen Fotos und Erinnerungen an die Darbietungen nach Hause zurück, sondern mit einer Reihe neuer Bekanntschaften und Gedichten, die ihren Weg von der deutschen in die persische Sprache fortsetzen werden.

Für uns lag der Wert dieser Erfahrung genau in dieser Möglichkeit zur Begegnung: Menschen kennenzulernen, denen wir vielleicht sonst niemals begegnet wären, Gedichte aus ihrer Gedankenwelt zu hören und eine Gelegenheit zu finden, einen Teil dieser Erfahrung mit jenen zu teilen, die an diesem Abend nicht dabei waren.

Die Gedichte, die in diesem Bericht versammelt sind, blicken auf unterschiedliche Weise auf die Welt – von bitterem Humor und verborgener Wut bis hin zu Fragen nach Wahrheit, Natur, Einsamkeit und der Stellung des Menschen in der Welt.

Daneben fügt unser persisches Gedicht dieser Sammlung eine Erfahrung von Migration und Fremdzuschreibung hinzu. Dass diese Werke nebeneinanderstehen, bedeutet nicht, dass die Erfahrungen ihrer Dichterinnen und Dichter dieselben wären. Vielmehr bietet es eine Gelegenheit, Unterschiede wahrzunehmen und jene Fragen zu entdecken, die Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und Lebensgeschichten möglicherweise miteinander teilen.

Vielleicht liegt eine der schönsten Eigenschaften der Poesie genau darin, dass sie für die Herstellung einer Verbindung nicht immer eine gemeinsame Sprache voraussetzt. Übersetzung kann der Beginn eines neuen Gesprächs sein – eines Gesprächs zwischen zwei Sprachen, zwei kulturellen Räumen und Menschen, die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben mögen, sich aber in ihren Gefühlen, Fragen und menschlichen Anliegen einander annähern können.

„Größer als Godzilla“ war für uns ein Beispiel für einen solchen Raum: eine Zusammenkunft, in der Poesie aus dem Rahmen eines geschriebenen Werkes heraustritt, auf der Bühne vorgetragen wird, von Musik begleitet wird und in der Begegnung zwischen Menschen weiterlebt.

Wir hoffen, dass die Veröffentlichung der Gedichte dieser Dichterinnen und Dichter auf Persisch eine Fortsetzung eben dieser Verbindung sein wird – eine Möglichkeit, dass jene Worte, die an einem literarischen Abend in Leipzig zu hören waren, ein neues Publikum erreichen und auch in einer anderen Sprache gehört und erfahren werden.

Manchmal endet ein kultureller Abend nicht mit dem letzten Auftritt. Manchmal beginnt er genau dort erst: mit den Worten, die wir mit nach Hause nehmen, und mit den Verbindungen, die wir beschließen, weiterzuführen.

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