
Vorwort
Erster Teil: Sachsen – der rätselhafte und vielschichtige Osten
Ich war Weltbürger …
Jetzt, da ich über jene Tage und Nächte voller Angst schreibe, durchzuckt ein stechender Schmerz mein Herz. Wirklich begreifen kann jene Zeit nur, wer den Krieg selbst erlebt hat. Ich jedoch bin in ihm aufgewachsen – ein Kind des Krieges, ein Jugendlicher der Vertreibung und ein Mann mittleren Alters, gezeichnet von Heimatlosigkeit und rastlosem Umherirren.
Die Erinnerungen an den Krieg verlangen nach einem eigenen Buch; sie verdienen Raum und eine ausführliche Erzählung. Hier jedoch geht es um etwas anderes: um mein Leben und das Leben jener Menschen, die – wie ich – zwischen zwei Formen der Heimatlosigkeit gefangen sind; Menschen, die weder dort Frieden fanden noch hier wirklich bei sich selbst angekommen sind.
Vielleicht habe ich von allen Menschen, die ich kenne, Heimatlosigkeit am tiefsten erfahren. Während andere von Vaterland, Heimat und nationaler Zugehörigkeit sprachen und den Ruhm ihrer Nation besangen, war ich Weltbürger – und zugleich der heimat- und identitätsloseste Mensch in dieser weiten Welt.
Es waren Tage voller Unruhe. Der amerikanische Präsident Biden hatte überraschend den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan angekündigt, und auch die Verbündeten der Vereinigten Staaten folgten dem „Herrscher der Welt“ und verließen das Land. Die Verhandlungen von Doha nährten in vielen Herzen einen letzten Hoffnungsschimmer. Doch ich hatte Politikwissenschaft studiert und verstand zumindest ansatzweise die Mechanismen der internationalen Politik. Deshalb war mir klar geworden, dass die Zukunft weit düsterer sein würde, als wir es uns vorstellen konnten. Aus diesem Grund hatte ich bereits zwei Jahre vor der Auslieferung Afghanistans an die terroristische Taliban-Gruppe für alle Mitglieder meiner Familie Pässe besorgt und mich innerlich auf eine neue Flucht vorbereitet.
Ja – die Welt war dabei, uns ohne Zögern der wohl brutalsten Terrororganisation unserer Zeit auszuliefern. Als der Abzug der amerikanischen Truppen begann, rückten die Taliban wie Heuschreckenschwärme aus den Randgebieten auf die Städte vor. Der uralte Krieg zwischen Stadt und Land war erneut entbrannt – ein Krieg, der in unserer Geschichte keineswegs selten war und fast immer mit dem Sieg des Landes über die Stadt endete.
Die Truppen Ismail Khans, eines lokalen Kommandeurs in Herat, standen den Taliban gegenüber – ohne jede Unterstützung, ohne jede Hilfe. Die Stadt hatte das Gesicht eines Kriegsgebiets angenommen. Nacht für Nacht hallten Schüsse bis zum Morgengrauen durch die Straßen. Meine achtjährige Tochter Mahsa schreckte bei jeder Explosion aus dem Schlaf hoch und flüchtete sich in die Arme ihrer Mutter und in meine. Es waren schwere Nächte – dunkler noch als die dunkelsten Nächte. Trotz Angst und Explosionen blieben die Tore der Universität geöffnet, und wir setzten unsere Lehrveranstaltungen fort. Eines Tages tauchte in den sozialen Medien eine Liste von Universitätsdozenten auf, die offenbar von einem örtlichen Taliban-Kommandeur verfasst worden war. Sechzehn Professoren wurden darin wegen ihrer Gegnerschaft zu den Taliban, wegen der Verbreitung westlicher und säkularer Ideen sowie wegen ihrer Zusammenarbeit mit ausländischen Institutionen mit dem Tod bedroht.
Mein Name stand an vierzehnter Stelle. Niemand konnte bestätigen oder widerlegen, ob diese Drohung echt war. Doch wir alle wussten, dass wir äußerste Vorsicht walten lassen mussten. Ich setzte alles daran, meiner Familie diese Bedrohung zu verheimlichen. Jeden Morgen, wenn ich zur Universität aufbrach, blickte ich in das vom Leid gezeichnete Gesicht meiner Mutter, betrachtete meine Frau und meine Kinder schweigend und verabschiedete mich in Gedanken von ihnen.
Niemand konnte garantieren, dass ich am Abend lebend zurückkehren würde. Jeden Tag wählte ich einen anderen Weg zur Universität und einen anderen Rückweg nach Hause. Die Stadt war tot. Selbst die Minarette Herats, Sinnbild ihres historischen Stolzes, schienen ihre Ruhe verloren zu haben, und die blaue Freitagsmoschee wirkte, als sei ihre Farbe verblasst. In jenen Tagen voller Angst wurde meine Studie „Analyse der Ursachen der Sicherheitskrise in Herat“ vom Afghanistan Institute for Strategic Studies vorgestellt.
Während der Buchpräsentation kritisierte einer der Professoren den religiösen Extremismus. Kurz darauf veröffentlichte ein Journalist einen Bericht, in dem er die Präsentation des Buches als Stellungnahme der Universitätsdozenten gegen die Religion darstellte. Der damalige Rat der Religionsgelehrten von Herat zitierte den Professor vor, zwang ihn zu einer öffentlichen Reuebekundung und veröffentlichte seine Entschuldigung in den sozialen Medien.
Einer der Mitglieder dieses Gelehrtenrates, den ich bereits flüchtig kannte, riet mir aus ehrlicher Sorge, ebenfalls vor den Rat zu treten, Reue zu zeigen und um Entschuldigung zu bitten.
Doch wofür hätte ich Reue zeigen sollen?
Ich lehnte seinen Rat ab.
Mit ruhiger, bedächtiger Stimme sagte er am Telefon:
„Dann pass gut auf dich auf. Die Todesschwadronen beseitigen Menschen ohne Zögern. Jetzt, da dein Buch so viel Aufsehen erregt hat, geh wenigstens für eine Weile nach Kabul, bis sich alles beruhigt hat.“
Aber ich konnte meine Familie nicht zurücklassen und nach Kabul gehen.
In dieser ungewissen Zeit überließ ich mich meinem Schicksal. Und ich blieb.
Die Tage vergingen, und die Taliban rückten der Stadt unaufhaltsam näher. Inzwischen hallten die Schüsse bereits durch die Gassen der südlichen Stadtviertel, und sie hatten begonnen, Haus für Haus zu durchsuchen.
In einer jener Nächte, in denen das Knattern der Schüsse näher war als je zuvor und die Taliban bereits die benachbarten Gassen durchsuchten, legte meine Frau all meine Urkunden, Arbeitsverträge und Auszeichnungen in ein Gefäß und zündete sie an. Nur meine akademischen Zeugnisse konnte ich sie unter flehentlichen Bitten behalten lassen.
Verzweifelt blickte ich auf all die Dokumente, die ich in den vergangenen zwanzig Jahren erhalten hatte. Tränen liefen über die Gesichter aller; selbst die kleine Mahsa weinte. Ich sah mein ganzes Lebenswerk in Flammen aufgehen.
Doch eine weitere Gefahr lauerte noch immer in unserem Haus: meine Privatbibliothek.
Eine Bibliothek, die ich über viele Jahre hinweg mit unendlicher Mühe und Leidenschaft aufgebaut hatte. Mehr als fünftausend Bücher – über Philosophie, Literatur, Politik, Kunst und Soziologie. Jedes einzelne hätte als Beweis meines Andersdenkens gelten können, als Belastungsmaterial für meine Verurteilung.
Was hätte man in jener finsteren Nacht mit all diesen Büchern auch anfangen können?
Irgendwann ging diese Nacht der Angst zu Ende. Zu unserem Glück erreichten die Taliban unsere Gasse nicht.
Schließlich kam jener verhängnisvolle Tag. Der Tag, an dem bewaffnete Taliban aus mehreren Richtungen in die Stadt eindrangen.
Ich war gerade dabei, an der Universität zu unterrichten, als meine Frau anrief und mir mitteilte, dass Teile der Stadt bereits gefallen seien. Wir brachen die Vorlesung ab, und jeder ging seines Weges.
Es war, als wäre das Jüngste Gericht angebrochen. Ich startete meinen Wagen und fuhr nach Hause. Die Straßen waren menschenleer; nicht einmal ein Vogel war am Himmel zu sehen. Es schien, als hätten sich alle Menschen in ihre Häuser geflüchtet.
Ich raste nach Hause. Zehn Minuten später hielt ich vor unserem Haus, nahm meine Frau und meine Kinder auf und floh. Als wir die Straße zur Freitagsmoschee von Herat erreichten, hörte ich die Schüsse bereits ganz aus der Nähe.
Es war beinahe Abend. Im Rückspiegel sah ich Taliban-Kämpfer, die hinter unserem Wagen herfuhren. Ich trat das Gaspedal noch weiter durch. Meine Frau murmelte leise Gebete, während ich – wie in einer seltsamen Trance zwischen Angst und Hoffnung gefangen – den Blick starr auf die Straße gerichtet hielt und zum Haus meiner Schwester fuhr.
In jener Nacht erhob sich von den Dächern Herats kein Ruf „Allāhu Akbar“ mehr – jener Ruf, der bisher die Verteidiger der Stadt unterstützt hatte. Nach einiger Zeit verstummten auch Explosionen und Schüsse.
Die Stadt war gefallen. Und der Tod legte seinen Schatten über alles. Es war eine dunkle Nacht – dunkler als jede Nacht, die ich je erlebt hatte. Zwanzig Jahre Hoffnung und Träume waren innerhalb weniger Stunden zu Asche geworden, und niemand wusste, was der nächste Tag für uns bereithalten würde. Ich war damals Doktorand an der Ferdowsi-Universität in Maschhad und besaß ein Studentenvisum.
Meine Mutter sagte zu mir: „Fahr morgen früh nach Maschhad. Gott wird über dich wachen, mein Sohn.“
Am nächsten Morgen nahm ich all meinen Mut zusammen und wollte das Haus verlassen. „Geh nicht!“, schrie meine Mutter.
Meine Frau weinte, und meine Kinder starrten mich fassungslos an. Meine Schwestern und meine Neffen stellten sich vor die Tür und erklärten, sie würden mich nicht hinauslassen. Doch meine Entscheidung stand fest.
Ich musste hinaus. Ich musste diese neue Stadt mit eigenen Augen sehen.
Die Stadt war tot. Wirklich tot.
Ich ging zu Fuß an bewaffneten Taliban vorbei. Aus ihren Gesichtern sprach blanker Schrecken. Doch ich hatte mich längst mit der Gefahr abgefunden. Was auch geschehen mochte, spielte für mich keine Rolle mehr.
Die Taliban hatten verkündet, jeder, der sich bedroht fühle, solle sich an ihre Amnestiekommission wenden und einen Amnestieschein beantragen. Ich wusste genau, dass dies nichts weiter als eine Falle war. Sie wollten lediglich die Namen ihrer Gegner in Erfahrung bringen. Und außerdem – welches Verbrechen hätte ich begangen, dass ich ausgerechnet bei Terroristen um Vergebung hätte bitten sollen? Ich schwor mir, niemals einen solchen Schritt zu tun. Und ich hielt mein Wort.
Vor dem Gouverneurssitz angekommen, sah ich bewaffnete Taliban feiern. Ihre Anhänger hatten sich bereits auf dem zentralen Platz der Stadt versammelt. Überall waren Männer in traditioneller afghanischer Kleidung zu sehen.
Ich hingegen stand dort allein – in Hemd und Hose. Wie eine flügellose Taube inmitten eines Rudels Hyänen. Die Stadt war ihrer Frauen beraubt, ihrer jungen Menschen und des Lebens selbst.
Ein Freund rief mich an und fragte, wo ich sei. „In der Nähe des Parkplatzes am Hauptplatz“, antwortete ich.
Er glaubte mir nicht.
Ich schwor ihm, dass ich die Wahrheit sagte. „Bleib genau dort“, sagte er. „Ich komme.“
Kurz darauf erschien er mit dem Auto und zwei weiteren Freunden. Sie nahmen mich mit, fuhren eine Runde durch die Stadt und brachten mich anschließend wieder zum Haus meiner Schwester zurück.
Beim Abschied sagte er: „Bitte geh nicht mehr hinaus, bis sich die Lage beruhigt hat.“
Am zweiten Tag nach dem Fall der Stadt ging ich zur Universität. Nur vereinzelte Studierende waren gekommen, ebenso einige Dozenten und Mitarbeiter. Die Angst war in jedem Gesicht zu erkennen. Doch niemand sprach sie aus. Es war, als hätten sich alle ihrem Schicksal ergeben. Ich betrat meinen Seminarraum. Lediglich zwei Studierende waren erschienen.
Eine Zeit lang saß ich reglos und ohne jede Motivation im Hörsaal. Nachdem die beiden gegangen waren, irrte ich ratlos über den Campus. Da kam der Universitätspräsident auf mich zu. „Mach dir keine Sorgen“, sagte er. „Die Taliban haben allen Amnestie gewährt. Trag einfach afghanische Kleidung, dann fällst du nicht so sehr auf.“
Ich lächelte nur und zitierte einen Vers des großen afghanischen Dichters Ustad Khalili: Wer den Treueschwüren dieses listigen Verführers Glauben schenkte,
dem fällt unweigerlich die Geschichte des allzu leichtgläubigen Heerführers wieder ein.
Am dritten Tag ging ich in traditioneller afghanischer Kleidung zur Universität. Fünf oder sechs Studierende waren gekommen. Ich begann mit dem Unterricht. Sie fragten mich nach der Zukunft. Und ich wusste nicht, was ich ihnen antworten sollte – einer Zukunft, deren Verlauf selbst ich nicht kannte und von der ich nicht wusste, was sie mit uns allen anstellen würde.
Gegen Mittag, als gerade eine weitere Lehrveranstaltung begonnen hatte, rief einer unserer Nachbarn an.
„Wo bist du?“, fragte er.
„An der Universität“, antwortete ich.
Er sagte, mehrere bewaffnete Taliban würden in der Nähe unseres Hauses Stellung beziehen und Passanten nach mir fragen. Ihr Kommandeur heiße Mullah Ghafur, und sie sprächen mit dem Dialekt der Provinz Farah.
Ich kannte Mullah Ghafur. Er stammte aus meiner Heimat, sogar aus demselben Dorf wie ich. Er war entschlossen, mich zu töten. In seinen Augen lehrte ich an der Universität westliche, gottlose Ideen, und deshalb sei mein Blut erlaubt.
Seine Drohungen hatten mich schon mehrfach erreicht. Meine Frau und die Kinder waren inzwischen aus dem Haus meiner Schwester in unser eigenes Haus zurückgekehrt.
Ich rief sie an. Von den bewaffneten Männern in unserer Gasse sagte ich kein Wort. Ich bat sie lediglich, meinen Reisepass zum Haus meiner Schwester zu bringen. Ich verließ die Universität, kaufte auf dem Markt einen Schal und machte mich auf den Weg dorthin. Meine Frau hatte den Pass bereits mitgebracht. Ich verabschiedete mich von meiner Mutter, meiner Frau, meinen Schwestern und meinen Neffen. Dann bat ich meinen Sohn Mohammad und meinen Neffen, mich bis zum Busbahnhof zu begleiten.
Am Busbahnhof der Strecke Herat–Maschhad legte ich mir den Schal um den Hals und nahm meinen Laptop mit – einen Laptop, dessen Festplatte ich zuvor vollständig geleert hatte. Ich blickte Mohammad lange und tief in die Augen. Dann ging ich zu dem Fahrzeug, das nur noch auf seinen letzten Fahrgast wartete, bevor es zur Grenze aufbrechen würde. Ein Kloß schnürte mir die Kehle zu, Tränen standen mir in den Augen. Ich wollte nicht, dass Mohammad mich in diesem Augenblick so sah.
Deshalb sagte ich nur: „Ich vertraue dir unser Zuhause an. Von jetzt an bist du der Mann der Familie.“
An der iranisch-afghanischen Grenze herrschte dichtes Gedränge. Staub lag überall in der Luft. Zwischen iranischen Grenztruppen und den Taliban war es zu einem Schusswechsel gekommen, bei dem ein iranischer Soldat verletzt worden war. Dennoch schadete dieser Zwischenfall den guten Beziehungen zwischen Iran und den Taliban kaum.
Die Mullahs der Taliban in Afghanistan sind ihren iranischen Glaubensbrüdern in vieler Hinsicht ähnlich, und ihr Modell des Regierens orientiert sich weitgehend am politischen System der Islamischen Republik Iran – mit dem Unterschied, dass die Taliban anstelle eines schiitischen einen sunnitisch-fundamentalistischen Staat errichtet haben.
Die Beziehungen zwischen Iran und den Taliban hatten zwar immer wieder geschwankt, doch an dem Tag, an dem ich die Grenze überqueren wollte, befanden sie sich auf einem ihrer besten Höhepunkte. Die iranischen Zeitungen begrüßten den Sieg dessen, was sie selbst als die „authentische Bewegung der Region“ bezeichneten, und vermittelten den Eindruck, den Amerikanern und dem Westen damit eine Lektion erteilt zu haben.
Ich selbst war nun zwischen Iran und Afghanistan wie zwischen zwei Mahlsteinen gefangen. Ein einsamer, umherirrendender Spatz, der nicht wusste, zu welchem Nest er fliegen sollte. Nur besaß ich gar kein Nest mehr.
Wohin hätte ich also gehen sollen?
Mein Schicksal zog mich zu meiner Universität – einer Universität, deren Lehrbetrieb bereits zu Ende war und an der ich nur noch meine Doktorarbeit verteidigen musste. Und was danach kommen würde? Das wusste allein Gott. Wegen der Gefechte hatten die Taliban an diesem Tag mehrere Kontrollstellen eingerichtet. An der ersten Kontrollstelle bemerkte ein junger Taliban meinen Laptop und fragte: „Was arbeitest du?“
„Ich bin Kaufmann“, antwortete ich.
Wie hätte ich sagen können, dass ich Universitätsdozent war?
Der junge Taliban winkte mich zur Seite und befahl mir schroff, dort zu warten.
Mit seinem Handy rief er jemanden an und setzte anschließend die Kontrolle der übrigen Reisenden fort.
Einige Minuten später kam ein Taliban aus einem Container auf mich zu. Offenbar war er der Kommandeur des Kontrollpostens. Als ich ihn sah, glaubte ich, mein Herz würde stehen bleiben. Langes, schmutziges Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Ein ungepflegter, dichter Bart umrahmte sein Gesicht. Der Schnurrbart war abrasiert. Seine mit Kajal umrandeten Augen, die weite schwarze afghanische Kleidung und seine ganze Erscheinung verliehen ihm etwas zutiefst Furchteinflößendes.
Als er vor mir stand, fragte er mich auf Paschtu: „Woher kommst du?“
„Aus Farah.“
„Wo genau in Farah?“
Ich nannte den Namen meines Dorfes.
Er lächelte.
„Kennst du Mullah Ghafur?“
Am liebsten hätte ich gesagt:
„Nein.“
Doch ich dachte bei mir, vielleicht war Mullah Ghafur selbst irgendwo in der Nähe. Ich hatte mich längst meinem Schicksal ergeben.
Also antwortete ich:
„Ja. Er ist der Mullah unseres Dorfes.“
Der Taliban-Kommandeur musterte mich plötzlich mit weit freundlicherem Blick.
Dann sagte er:
„Bleib doch zum Mittagessen unser Gast. Danach rufen wir gemeinsam Mullah Ghafur an und unterhalten uns ein wenig.“
Ich erwiderte, dass Freunde bereits auf der anderen Seite der Grenze auf mich warteten.
„Wenn ich aus dem Iran zurückkomme“, sagte ich, „werde ich sehr gern dein Gast sein und auch mit Mullah Ghafur sprechen.“
Er nickte und fragte:
„Wie heißt du?“
„Dawood.“
Ich nannte bewusst nur meinen Vornamen – in der Hoffnung, er würde nicht nach meinem Familiennamen fragen. Und tatsächlich tat er es nicht. Seit vielen Jahren hatte mein Familienname meinen Vornamen fast vollständig verdrängt; selbst meine Angehörigen nannten mich kaum noch bei meinem eigentlichen Vornamen.
Er zog sein iPhone hervor und wählte eine Nummer. In diesem Augenblick glaubte ich zu sterben. Meine Beine zitterten. Still betete ich, Mullah Ghafur möge den Anruf nicht entgegennehmen. Die Sekunden dehnten sich für mich zu einer Ewigkeit. Schließlich steckte der Taliban das Telefon wieder in die Tasche und sagte mit einem Achselzucken:
„Heute hast du kein Glück. Unser Freund ist nicht rangegangen.“
Erst da konnte ich wieder frei atmen. Ich verabschiedete mich hastig von ihm und lief, so schnell ich konnte, der iranischen Grenze entgegen.
