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Literatur

Zwischen zwei Heimatlosigkeiten (Teil IV)

Zwischen zwei Heimatlosigkeiten (Teil IV)
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Dawood Erfan

Teil 4

Bautzen – ein Ort zwischen Aufbruch und Bleiben

Als ich ein Kind war, las mir eine Wahrsagerin aus der Hand und sagte: „Dein Schicksal ist das Umherirren: von einer Stadt zur nächsten, von einem Land zum anderen. Du bist ein Reisender durch die Zeit!“

Damals hatte mich ihre Prophezeiung begeistert. Ein Reisender durch die Zeit zu sein, durch die Welt zu ziehen, von Stadt zu Stadt – für meinen kindlichen Geist lag darin ein besonderer Zauber. Ich glaubte den Worten der Wahrsagerin. Erst als ich älter wurde, begriff ich, dass ein anderer Name für den „Reisenden durch die Zeit“ vielleicht der Vertriebene ist. Und dass Wörter, die sich in ihrer Bedeutung nahe sind, im Innersten doch so weit auseinanderliegen können wie zwei Leben.

Ich bin von Stadt zu Stadt gezogen, von einem Land in ein anderes, bis ich hierher gelangt bin. Heute weiß ich, wie naiv diese kindliche Begeisterung war. Nun, da ich zwischen zwei Formen der Heimatlosigkeit stehe, wünsche ich mir manchmal, jene Wahrsagerin meiner Kindheit würde noch einmal meine Hand lesen – nur damit ich mich wieder an ihren Worten festhalten könnte.

Ich weiß, dass Wahrsagerei nichts weiter als ein Zeitvertreib ist. Aber wenn man zwischen zwei Heimatlosigkeiten steht, klammert man sich an jedes Wort und an jedes noch so kleine Zeichen einer besseren Zukunft.

Bautzen ist für mich keine Stadt. Bautzen ist eine dreijährige Geschichte – eine Geschichte, die drei Jahre meines Lebens in einer anderen Welt erzählt. Eine Stadt, die viele meiner Vorstellungen verändert, neue Horizonte vor meinen Augen geöffnet und mir Erfahrungen geschenkt hat, die meinen Blick auf die Welt verändert haben.

Bautzen ist für mich nicht nur eine Stadt. Es ist ein Gefühl der Fremdheit, das von den Wüsten Westafghanistans in die Wälder Ostdeutschlands gewandert ist. Ein Bild, das sich in meinen Gedichten, meinen Geschichten und meinen Worten bewegt – gemeinsam mit Herat, Farah, Kabul und Balch.

Bautzen hat einen eigentümlichen Geschmack: manchmal bitter, manchmal süß. Doch die Bitterkeit habe ich vergessen. Was mir von meinem Leben hier geblieben ist, schmeckt in meiner Erinnerung vor allem nach den süßen Seiten des Lebens.

Mit seiner schönen Burg und seinen gepflasterten Straßen führt mich Bautzen zurück nach Herat – zu jenen Nächten, in denen ich vom Viertel Tschahar-Su auf die steinerne Straße nach Chadscha Rach ging, durch enge, verschlungene Gassen bis zur Zitadelle von Herat.

Dann betrat ich wieder den Asphalt der Straßen, ging auf die hoch aufragenden Minarette Herats zu und nahm schließlich denselben Weg zurück.

Ja, ich war ein Nachtwanderer von Herat – ein Mensch, der nachts durch die Stadt ging, dabei durch die Geschichte wanderte und mit ihr verschmolz.

Auch in Bautzen bin ich zu diesem Nachtwanderer geworden: derselbe Wanderer durch die Nacht, derselbe Suchende in den Schichten der Geschichte.

Ramin Rahimi und ich sind in vielen Nächten durch die Gassen Bautzens gegangen – durch Nächte, die hier viel früher beginnen als in unserer Heimat. Die verschneiten Nächte Bautzens und ihre geheimnisvolle Stille sind für mich längst nicht mehr nur eine Erfahrung. Sie sind ein Teil meines Daseins geworden, haben sich in meinem Gedächtnis und meiner Seele niedergelassen.

Bautzen ist für mich nicht nur eine Stadt. Bautzen ist der Name von Menschen, die in den schwierigsten Tagen meines Lebens an meiner Seite gewesen sind.

Bautzen ist für mich Ute – und Kay jenes wunderbare Ehepaar, das sich mit uns gefreut und mit unserem Leid mitgelitten hat. Ihr Haus war für uns immer auch ein Zuhause. Jeden Dienstag erwarten sie uns mit offenen Armen.

Ich selbst konnte diese schönen Begegnungen leider nur selten wahrnehmen. Mein Sohn Mohammad jedoch hat diese wunderbare Tradition bewahrt, von Ute gelernt und immer wieder ihre Hilfe erfahren.

Bautzen ist für mich Katharina – eine warmherzige Lehrerin, deren Ruhe, Würde und Menschlichkeit mir immer ein Vorbild gewesen sind. Eine aufmerksame und freundliche Frau, die unseren Schmerz verstand, noch bevor wir überhaupt ein Wort darüber gesagt hatten.

Noch heute fragt sie meine Tochter Parastoo nach mir und meiner Familie. Sie hat uns nicht vergessen.

Bautzen ist für mich Wolfgang – ein Mann, der hinter seiner äußerlichen Würde einen zutiefst liebenswerten und warmherzigen Charakter trägt. Wolfgang ist ein Freund, den beinahe jeder Geflüchtete kennt; ein Mann, dem viele Geflüchtete ihre Sorgen und Geheimnisse anvertraut haben.

Er hat viel dafür getan, dass wir uns in dieser Stadt wohler fühlen und das Leben hier etwas leichter nehmen konnten.

Bautzen ist für mich Jurij – ein charmanter Mann aus der sorbischen Kultur, dessen Wissen und Erfahrung mir neben dem deutschen Erbe auch eine andere, hier verwurzelte kulturelle Welt eröffnet haben.

Wie Wolfgang ist Jurij ein gepflegter Mensch mit einem warmen Herzen – jemand, in dessen Gesellschaft man sich unmittelbar wohl und geborgen fühlt.

Bautzen ist für mich Manja und Sophie – zwei Frauen, durch die ich eine andere Seite der Kultur dieser Stadt kennengelernt habe. Menschen, die an Toleranz und Menschlichkeit glauben.

Wann immer wir eine kulturelle Veranstaltung organisieren wollten, haben sie uns freundlich unterstützt und mir mit ihrem Lächeln immer neue Kraft gegeben.

Bautzen ist für mich Zuzit – eine warmherzige Frau, die keine Uhr kennt, wenn es darum geht, Geflüchteten zu helfen, und die ihre ganze Kraft darauf verwendet, deren Probleme zu lösen.

Zuzit ist einer jener Namen, die in unserer migrantischen Gemeinschaft beinahe jeder kennt.

Bautzen ist für mich Frau Spänig – eine Frau, die uns im Jobcenter stets mit Respekt begegnet ist und nichts unversucht gelassen hat, um unsere Integration in die Gesellschaft zu unterstützen. Wann immer sich irgendwo ein Knoten gebildet hat, hat sie mit Umsicht geholfen, ihn zu lösen. Für mich ist sie nicht nur eine erfolgreiche und rechtsbewusste Führungskraft, sondern vor allem ein Mensch, dessen menschliches und respektvolles Verhalten Bewunderung verdient.

Bautzen ist für mich Matthias. Ein freundlicher und hilfsbereiter Mann, der sich immer wieder dafür eingesetzt hat, dass mein Sohn Soroush in einer Fußballmannschaft spielen konnte. Mehrmals fuhr er uns mit seinem eigenen Auto zu verschiedenen Vereinen und half uns dabei, einen passenden Verein für Soroush zu finden. Schließlich gelang es ihm, eine Mannschaft für Soroush zu finden.

Und schließlich ist Bautzen für mich auch jene Physiotherapeutin, die uns in den schweren Wochen nach Mahsas Beinbruch geholfen hat.

Als wir sie kaum mit dem Bus transportieren konnten, brachte sie meine Tochter mit ihrem eigenen Auto nach Malschwitz. Noch heute fragt sie mich jedes Mal nach Mahsa, wenn wir uns sehen, und schenkt mir mit ihren wenigen, herzlichen Worten neuen Mut.

Kann man so vielen guten Menschen begegnen und danach an etwas anderes als an das Gute denken?

Ich komme aus einer Kultur, in der die Achtung vor dem Gastgeber einen hohen Stellenwert besitzt. Deshalb blicke ich mit Dankbarkeit auf die Stadt, die mir und meiner Familie seit drei Jahren Schutz und ein Zuhause bietet.

Nein – vielleicht sollte ich es anders sagen:

Ich fühle mich dieser Stadt zugehörig.

Ich habe das Gefühl, dass Bautzen – wie Farah, wie Herat, wie Maschhad und Bandar Abbas im Iran – zu einem Teil meiner Identität geworden ist.

Bautzen hat mich manchmal auch müde gemacht – so müde, dass ich mir immer wieder geschworen habe, diese Stadt zu verlassen. Besonders dann, wenn ich in den Worten, im Verhalten oder im Handeln mancher Menschen deutlich Diskriminierung erfahren oder beobachtet habe; oder wenn ich auf die Fragen meiner Kinder keine Antwort wusste.

Ich werde niemals den Tag vergessen, an dem ich Mahsa zum Arzt gebracht hatte und wir auf dem Rückweg durch die Innenstadt gehen mussten.

Leise sagte sie:

„Papa, lass uns durch die kleinen Seitenstraßen nach Hause gehen. Ich mag die Innenstadt nicht.“

Als ich sie fragte, warum, antwortete sie mit einem unschuldigen Blick:

„Dort demonstrieren sie gegen Migranten.“

Bis heute denke ich darüber nach, wie viele bittere Erinnerungen Bautzen unseren Kindern hinterlassen hat – eine Stadt, in deren Schulen Mitschüler zu Kindern mit Migrationsgeschichte bisweilen sagen:

„Geh weg!“

Bautzen war für mich immer eine Stadt zwischen Aufbruch und Bleiben – ein Ort, der jenem vertrauten Gefühl entspricht:

Ich habe weder die Kraft zu gehen noch das Herz zu bleiben.

Eine Stadt, an die ich mich gewöhnt habe und in der ich einige wenige Freunde gefunden habe, die – um es mit den Worten des großen persischsprachigen Dichters Sohrab Sepehri zu sagen – „besser sind als fließendes Wasser“.

Manchmal wird es schwer, die Unfreundlichkeit zu ertragen, und sie scheint die wenigen Momente der Güte zu überdecken.

Und dennoch:

Ich liebe Bautzen.

Und wo immer ich auch sein werde, Bautzen wird ein Teil meiner vielschichtigen, geteilten Identität bleiben.

Autor

داوود عرفان

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