Über Saghar: Saghar, Dichterin, Schriftstellerin und afghanische Frauenrechtlerin, erblickte am 13. Khordad 1356 (3. Juni 1977) in Kabul in einer Familie das Licht der Welt, die dem Wissen, der Kultur und dem Geist verbunden war. Ihr Vater war Offizier, und ihre Mutter zählte zu den wegweisenden und freiheitsliebenden Frauen Afghanistans. Sie ist eine Nachkommin von Mahmud Tarzi, dem Vater des modernen afghanischen Journalismus; einer Persönlichkeit, deren aufklärerische und reformatorische Gedanken einen herausragenden Platz in der zeitgenössischen Geschichte des Landes einnehmen.
Saghar verbrachte ihre Grundschul- und Sekundarschulzeit in Afghanistan und musste ihre Heimat im Jahr 2000 infolge der politischen und sozialen Umbrüche im Land verlassen; sie ließ sich in Deutschland nieder. In Deutschland ließ sie sich im Bereich der Kindererziehung ausbilden und ist seit Jahren in der Kinderbetreuung und als staatlich geprüfte Dolmetscherin tätig. Gleichzeitig setzt sie seit Kurzem ihr Studium der persischen Literatur fort.
Saghar setzt sich seit über zwei Jahrzehnten neben ihrem literarischen Schaffen für Bewusstseinsbildung, Freiheit und die Durchsetzung der Rechte der afghanischen Frauen ein. Ihre Dichtung ist ein Ineinandergreifen von Liebe, Leid, Exil, weiblicher Identität, Protest und Widerstand; eine Poesie, die bei persönlichen Erfahrungen ansetzt und sich mit universellen menschlichen Sorgen verbindet.
Ihre veröffentlichten Werke sind:
- „Ich rufe dich zum Niederknien der roten Blumen“
- „Unruhiger Ozean“
- „Es regnet Sonnenlicht“
- „Die persische Tochter“; auf Arabisch, veröffentlicht in Ägypten.
- „Ein Brief an Nizar Qabbani“; auf Arabisch, veröffentlicht in Ägypten.
- „Von Belqis al-Rawi bis Saghar“; ein eigenständiges Buch literarischer Kritik und Forschung auf Persisch und Arabisch, veröffentlicht in Ägypten, Libanon und Afghanistan.
- „Songs of Freedom“ in London (Lieder der Freiheit); auf Englisch.
- „Kontinentaldrift“; auf Deutsch, herausgegeben vom Haus für Poesie Berlin.
Darüber hinaus wurden einige ihrer Gedichte ins Französische übersetzt und sollen in einer literarischen Sammlung mit dem Titel „Schau mich an“ (Mera Bebin) in Frankreich veröffentlicht werden. Mit einem neuen Blick auf Poesie und Literatur strebt Saghar danach, zwischen der gelebten Erfahrung einer afghanischen Frau und der heutigen Welt eine Brücke aus Wörtern und Gedanken zu schlagen. Sie betrachtet Literatur nicht nur als den Raum, in dem Schönheit erschaffen wird, sondern als Werkzeug der Aufklärung, der Bewahrung der Menschenwürde und des Kampfes gegen Ignoranz und Unterdrückung.
Ihre Werke haben die geografischen und sprachlichen Grenzen Afghanistans überschritten und in den literarischen und kulturellen Kreisen verschiedener Länder große Aufmerksamkeit erlangt. Die Veröffentlichung eines eigenständigen Buches über literarische Kritik zu ihren Gedichten in der arabischen Welt zählt zu den bedeutenden Meilensteinen ihrer literarischen Laufbahn. Saghar war drei Jahre lang als Jurymitglied beim Tahereh-Saffarzadeh-Festival tätig und ist darüber hinaus ständiges Mitglied des ägyptischen und des arabischen Schriftstellerverbandes.
Erste Frage: Von Afghanistan in die arabische Welt
Gozaare: Frau Saghar, Sie gehören zu den zeitgenössischen Dichterinnen Afghanistans, deren Werke den Weg in den literarischen Raum der arabischen Welt gefunden haben und dort von arabischen Dichtern und Kritikern geschätzt werden. Wie kam es zu dieser Präsenz? Welcher Weg wurde beschritten, damit Ihre Gedichte vom Persischen in die arabische Literaturwelt vordringen konnten?
Saghar: Die Geschichte, wie meine Gedichte in die Welt der arabischen Literatur gelangten, begann mit einer völlig zufälligen Bekanntschaft. Ich lernte einen arabischen Übersetzer kennen, der anbot, einige meiner Gedichte zu übersetzen. Damals hätte ich mir niemals träumen lassen, dass diese einfache Begegnung ein neues Tor für meine Gedichte öffnen würde.
Nachdem meine Gedichte in ägyptischen Zeitschriften und Zeitungen erschienen waren und viel Zuspruch erfanden, wurde mein erstes Buch, „Die persische Tochter“, ins Arabische übersetzt und veröffentlicht. Später erschien auf Vorschlag des Internationalen Schriftstellerverbandes Ägypten mein zweites Buch, „Ein Brief an Nizar Qabbani“, das glücklicherweise ein sehr gutes Echo fand. Dies führte dazu, dass meine Arbeiten ins Blickfeld arabischer und internationaler Dichter, Schriftsteller und Kritiken gerieten; so entstanden etwa dreihundert Seiten Kritik über mein Buch.
Doch leider verstarb mein Übersetzer, der unvergessene Hamed Habib, während der Vorbereitungen zu diesen Kritiken. Dieser Vorfall war für mich überaus schmerzhaft. Dennoch gelang es mir, mit der Hilfe seiner fünfzehnjährigen Tochter neunzehn Kritiken zusammenzutragen und einen Teil dieser Texte in Form eines zweisprachigen Buches mit dem Titel „Von Belqis al-Rawi bis Saghar“ herauszugeben.
Dieses Buch ist für mich weit mehr als ein literarisches Werk; es ist das Vermächtnis einer zufälligen Bekanntschaft, einer kostbaren und menschlichen Freundschaft, die meine Gedichte voller Liebe in eine neue Welt trug. Der unvergessene Hamed Habib war zum Zeitpunkt seines Todes etwa siebzig Jahre alt. Er lebte in einem abgelegenen Dorf an der Grenze zu Libyen sehr bescheiden und fernab jeglichen Prunks. Als ich während meiner Ägyptenreise ein Auto nahm, um seiner Familie aus Respekt einen Besuch abzustatten, war mir nicht bewusst, welch gewaltige Distanz vor mir lag; auf halbem Weg erfuhr ich, dass es noch drei Stunden Fahrt waren. Ich setzte den Weg fort. Beim Anblick seiner Lebensverhältnisse musste ich weinen. Ich konnte es kaum glauben: In tiefster Armut und ohne jegliches Eigeninteresse hatte dieser gläubige Diener Gottes die Weltliteratur miteinander verbunden und diesen großen literarischen Moment herbeigeführt. Bis zu meiner Abreise dort weinte ich. Und mir wurde einmal mehr bewiesen: Literatur entspringt nicht aus Türmen, aus Pomp und glitzerndem Prunk. Literatur ist das Resultat des Leidens edler Menschen wie Hamed, die von Pflichtbewusstsein, Glauben und Liebe zur Menschheit und Güte erfüllt sind. Ich verharre in tiefem Staunen über diesen ganzen Menschen. In Staunen – und ich muss darüber noch sehr viel schreiben.
Zweite Frage: Der Blick arabischer Kritiker auf die Dichtung einer afghanischen Frau
Gozaare: Was ist der Kerninhalt der Kritiken, die Sie im Buch „Von Belqis al-Rawi bis Saghar“ zusammengetragen haben? Welche Themen haben arabische Kritiker in Ihrer Poesie hervorgehoben, und welches neue Bild der afghanischen Literatur gewinnt der arabische Leser durch diese Sammlung?
Saghar: Die Sammlung der Kritiken in diesem Buch bildet im Grunde einen vielschichtigen Blick auf meine dichterische Welt, mein Denken und meine gelebten Erfahrungen ab. In einigen dieser Texte haben sich Kritiker mit bemerkenswerter Schärfe mit meiner inneren Welt, meiner Psyche und meinen persönlichen Erfahrungen auseinandergesetzt.
Kritiker aus den verschiedensten Ländern – von Baku bis Mexiko, Ägypten, Libanon und anderen Regionen – widmeten sich in diesen Schriften Themen wie irdischer und menschlicher Liebe, Einsamkeit, Fremdheit, dem Leid der Frau, dem Exil, der Identität, dem Widerstand, der Darstellung der absoluten Weiblichkeit sowie der Liebe zur Heimat und der Hoffnung.
Was mich besonders fasziniert, ist der Blick der Kritiker auf die Dichtung einer afghanischen Frau; einer Frau, die in einem Land des Krieges und der Entbehrung herangewachsen ist, deren Poesie jedoch nicht bloß Schmerz und Krieg spiegelt, sondern von Liebe, Schönheit, Freiheit und Menschenwürde kündet.
Der arabische Leser begegnet in diesem Buch einem anderen Gesicht der zeitgenössischen afghanischen Literatur; einer Literatur, in der die Frau nicht nur das Opfer sozialer Bedingungen ist, sondern eine eigenständige, protestierende und schöpferische Stimme besitzt – ähnlich wie die Frau in der Poesie von Nizar Qabbani, was auch dazu führte, dass der Name Belqis al-Rawi in diesem Buch Erwähnung fand, im Vergleich zu dem Stellenwert, den Nizar der Frau in der arabischen Dichtung verlieh. Nizar riss die Frau aus der Passivität heraus und machte sie zu einem handelnden Subjekt.
Meiner Ansicht nach besteht der Wert dieser Kritiken darin, dass sie die persische Dichtung Afghanistans über geographische und sprachliche Grenzen hinwegheben und zwischen der persischen und der arabischen Literaturwelt eine Brücke des Verstehens und des Dialogs errichten. Zudem bin ich die erste Frau, deren Gedichte außerhalb Afghanistans in Form eines eigenständigen Kritikbandes publiziert wurden.
Dritte Frage: Ägypten-Reise; von literarischen Begegnungen bis zum Protest gegen den UN-Generalsekretär
Gozaare: Während Ihrer jüngsten Ägyptenreise hatten Sie Programme zur Vorstellung und Besprechung des Buches „Von Belqis al-Rawi bis Saghar“ geplant. Wie verlief diese Reise? Welche Dichter, Schriftsteller und Kulturpersönlichkeiten haben Sie getroffen? Ist Ihnen ein bestimmtes Erlebnis von dieser Reise in Erinnerung geblieben?
Saghar: Meine Reise nach Ägypten gehört zu den wertvollsten und unvergesslichsten Erfahrungen meines literarischen Lebens. Das Hauptziel dieser Reise bestand darin, die Veröffentlichung und Vorstellung des Buches „Von Belqis al-Rawi bis Saghar“ zu begleiten und Begegnungen mit Dichtern, Autoren und Kulturschaffenden der arabischen Welt zu pflegen.
Aufgrund der Kürze der Reise und des dichten Programms ließ sich keine offizielle Buchpräsentation abhalten; es wurde vereinbart, diese Veranstaltung in der darauffolgenden Woche in Anwesenheit libanesischer und ägyptischer Dichter über ein Online-Meeting nachzuholen. Dennoch fanden äußerst wertvolle literarische Gespräche und Begegnungen statt.
Darunter befanden sich das Treffen mit Dr. Naser Ramadan Abdelhamid, einem Dichter und Leiter des Forums arabischer Dichter, sowie der Besuch bei der Familie des unvergesslichen Hamed Habib in der Stadt Belbeis in der ägyptischen Provinz Asch-Scharqiyya. Hamed Habib hatte eine maßgebliche Rolle bei der Vermittlung meiner Werke und der Buchpublikation in Ägypten gespielt.
Einer der emotionalsten und bleibenden Momente dieser Reise war das Zusammentreffen mit der Familie dieses gebildeten Menschen – jemanden, der einen so kostbaren Beitrag zur Erstellung dieser Sammlung geleistet hatte, ohne jedoch die Früchte seiner Bemühungen noch miterleben zu dürfen. Diese Begegnung war für mich eine Mischung aus Trauer, Dankbarkeit und dem Gedenken an bleibende literarische Freundschaften, deren kurze Schilderung Sie bereits oben gelesen haben.
Doch einer der ungewöhnlichsten und erschütterndsten Momente meiner Reise war die zufällige Begegnung mit António Guterres, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, im Großen Ägyptischen Museum.
In jenem Augenblick schritt ich furchtlos durch eine Menge groß gewachsener Männer, Leibwächter und Polizisten hindurch. Mehr noch als Dichterin fühlte ich in jenem Moment die Stimme der unterdrückten Frauen Afghanistans in meinem Inneren. Ich konnte nicht schweigen. Ich lief auf ihn zu und rief ihm auf Englisch mehrfach laut entgegen: „Sie haben die Frauen Afghanistans vergessen!“
Dieser Ausspruch war für mich kein bloßer Protest, sondern der Schrei aus einem Land von Frauen, denen ihre elementarsten Menschenrechte geraubt wurden.
Diese Reise besaß für mich auch eine historische Dimension. Es war kein Zufall; es schien Schicksal zu sein. Fast genau ein Jahrhundert nach der Reise meines Urgroßvaters Mahmud Tarzi nach Ägypten betrat ich nun als dichtende Frau mit meinen Büchern denselben Boden. Mitten in der jahrtausendealten Geschichte und Zivilisation Ägyptens hinterließ ich das Leid, den Schmerz und die weiblichen Erfahrungen der afghanischen Frauen in Form mehrerer Bücher als bleibendes Vermächtnis.
Diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem familiären kulturellen Erbe und meiner persönlichen Erfahrung barg ein tiefes, unbeschreibliches Gefühl. Der Besuch der Pyramiden von Gizeh und der Abstieg in die unterirdischen Grabkammern, in denen die Pharaonen gefunden worden waren, zählte zu den einzigartigsten Erlebnissen und zur Erfüllung eines Kindheitstraums. Am Nil zu sitzen, Tee zu trinken und nächtliche Spaziergänge am Strom zu unternehmen, war für mich schlicht unvergleichlich.
Zusammenfassend war die Ägyptenreise für mich weit mehr als nur eine Buchpräsentation; sie war eine Gelegenheit zur Wiederanknüpfung an die arabische Literaturwelt, zur Pflege kultureller Freundschaften und dazu, die Stimme der afghanischen Frauen zu Gehör zu bringen, die weit über die Grenzen meines Heimatlandes hinausreicht.
Ich bin überzeugt, dass die Dichtung selbst in den dunkelsten Zeiten eine Brücke zwischen Völkern und Sprachen schlagen und eine Stimme, die in ihrem eigenen Land zum Verstummen gebracht werden soll, der Welt Gehör verschaffen kann.
Vierte Frage: Mahmud Tarzi; familiäres Erbe und der Kontrast zweier Generationen
Gozaare: Sie erwähnten, dass ein Kritiker in einer Publikation Ihr kulturelles Schaffen mit dem intellektuellen Erbe Ihres Urgroßvaters Mahmud Tarzi verglichen hat. Interessanterweise reiste auch Tarzi vor etwa einem Jahrhundert nach Ägypten. Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede erkennen Sie im Umgang seiner Generation und Ihrer Generation mit Literatur, Sprache und kulturellem Engagement? Lässt sich die veränderte Sichtweise beider Generationen in Ihrem Denken und Ihren Werken ablesen?
Saghar: Während meiner Ägyptenreise habe ich über zwei Dinge intensiv nachgedacht. Erstens über die Reise von Mahmud Tarzi, der im Jahr 1891 gemeinsam mit seinem Vater Ghulam Mohammad Khan Tarzi nach Ägypten gereist war. Er veröffentlichte seine Reiseeindrücke später, im Jahr 1915, in Kabul in dem Buch „Das Reisetagebuch von drei Erdstücken in 29 Tagen“.
Ein Teil dieser Aufzeichnungen befand sich in einem handgeschriebenen Heft im Besitz eines der Söhne von Tarzi; ich weiß jedoch nicht, wo es sich heute befindet.
Tarzi hätte sich gewiss nicht träumen lassen, dass ein Jahrhundert später eine seiner Nachkomminnen mit einem Bündel Bücher nach Ägypten kommen und auf ihre Weise die Geschichte fortschreiben würde. Er hatte einst seine Tochter auf jene Reise mitgenommen und vermutlich nie geahnt, dass eines Tages ein Familienmitglied an demselben Ort einen eigenen Fußabdruck hinterlassen würde.
Ich glaube, es war Bestimmung. Wäre Afghanistan nicht besetzt, so hätte ich in mein Heimatland zurückkehren und dieses Ereignis über die Medien verbreiten und die Geschichte im Bewusstsein der Menschen lebendig halten müssen. Ich wollte die Bedeutung von Stift und Geist im Bewusstsein der Menschen erhellen und ihnen vor Augen führen, dass sich die Finsternis nur mit der Feder bekämpfen lässt.
Während meines Aufenthalts in Ägypten erreichte mich die Nachricht, dass meine Bücher in Kabul konfisziert worden waren. Eine Welt brach für mich zusammen, doch ich gab nicht auf und ging meinen Weg weiter.
Natürlich muss ich noch auf einen weiteren historischen Aspekt hinweisen. Mahmud Tarzi reiste in den Jahren 1927 und 1928 anlässlich des Staatsbesuchs von Amanullah Khan und Königin Soraya auf Einladung von König Fuad ein weiteres Mal nach Kairo.
In einigen historischen Quellen wird darauf verwiesen, dass König Fuad auf der Verschleierung von Königin Soraya vor deren Einreise nach Ägypten bestanden habe. Auf Fotografien und historischen Dokumenten in den Museen ist Königin Soraya freilich nicht zu sehen, da der öffentliche Auftritt von Frauen bei offiziellen Staatsreisen damals strengen Einschränkungen unterlag.
Das zweite Thema war die Geschichte und Kultur Ägyptens. Bis jetzt kann ich kaum fassen, dass ich in einem solchen Land Gast sein durfte. Ich dachte an Kleopatra, besuchte Museen und stöberte durch Bibliotheken.
Ägypten ist kein Land, über das man in zwei Sätzen eines Interviews sprechen kann. Ich muss meine Erinnerungen niederschreiben. Ich besitze ein ganzes Buch voller Gedanken über diese Reise. Noch immer stehe ich unter dem Eindruck dieser Faszination und trage unzählige ungesagte Worte in mir.
Fünfte Frage: Mahmud Tarzi und die persische Sprache
Gozaare: Ihr Erstlingswerk trägt den Titel „Die persische Tochter“, und Sie sind als persischsprachige Dichterin bekannt. Dennoch wird Ihr Urgroßvater Mahmud Tarzi bisweilen beschuldigt, Pläne zur Verdrängung der persischen Sprache gehegt zu haben. Kann die historische und literarische Erfahrung Ihrer Familie und Ihre heutige Präsenz in der arabischen Literaturwelt nicht als Lehre für jene Politiker dienen, die glauben, man könne die persische Sprache leichthin aus dem kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft tilgen?
Saghar: Das ist eine Unterstellung. Tarzi ist eine Schule, ein Gedanke und ein Konzept. Er schrieb auf Persisch und sprach Persisch. Die persische Sprache ist eine mächtige, tief verwurzelte Sprache mit einer uralten und reichen Geschichte.
Selbst wenn ein solcher Vorwurf gegen Mahmud Tarzi erhoben werden sollte, nehme ich ihn ohne stichhaltige Beweise nicht an. Sollte er sich an irgendeiner Stelle ethnisch einseitiger Gedanken schuldig gemacht haben, so liegt die Verantwortung dafür gewiss nicht bei mir.
Ich blicke auf die gigantische Fülle positiver Taten, auf die aufklärerischen Leistungen und wertvollen Dienste, die er für die Menschen und die Gesellschaft Afghanistans erbracht hat, und ehre dieses Erbe.
Ich trage keinerlei Verantwortung für eventuelle Fehler meines Urgroßvaters, aber ich bin stolz auf sein intellektuelles, reformatorisches und fortschrittliches Denken – insbesondere auf seinen unermüdlichen Einsatz für die Bildung von Frauen und die Gründung der ersten Mädchenschule. Dieser Teil seines geistigen Vermächtnisses ist für mich eine Inspiration und eines Vorbildes würdig.
Ich glaube, dass kein Mensch frei von Fehlern ist. Selbst wenn Tarzi in einem Teil seiner Anschauungen geirrt haben sollte, vermag das nicht sein glänzendes wissenschaftliches, kulturelles und aufklärerisches Lebenswerk zu schmälern.
Das Gewicht an Wissen, Gedanken und segensreichen Taten, das er hinterlassen hat, ist so gewaltig, dass sieben Kamele von Bengalen bis Buchara es nicht tragen könnten!
Vergessen wir nicht: Unsere undankbare Gesellschaft wird vielleicht auch in den kommenden fünfhundert Jahren keinen ähnlich starken Strom der Aufklärung und Reformen mehr erleben.
Ich bin überzeugt, dass der Geist und die Feder Mahmud Tarzis – vor allem in seinen persischsprachigen Schriften – weit davon entfernt waren, dieser Sprache Schaden zuzufügen; vielmehr haben sie deren Bewusstseinsbildung, intellektuelle Erweckung und literarische Dynamik maßgeblich befördert.
Man muss zwischen der Kritik an einem Denker und der Leugnung eines großen historischen Erbes unterscheiden. Ich bin nicht die Erbin möglicher Fehler Tarzis, aber ich bin stolz auf das aufklärerische Erbe von ihm und seiner Tochter, Königin Soraya, als weitsichtige, gebildete und schreibende Frauen.
Sechste Frage: Persische und arabische Dichtung; zwei literarische Welten, zwei menschliche Erfahrungen
Gozaare: Sie sind sowohl mit der persischen Literatur bestens vertraut als auch in der literarischen Welt der Araber zu Hause. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der zeitgenössischen persischen und der arabischen Lyrik? Welche Merkmale der arabischen Dichtung haben Sie am tiefsten berührt?
Saghar: Ich habe die Gedichte arabischer Dichter vor allem in Übersetzung gelesen und muss gestehen, dass ich bei der Lektüre von Nizar Qabbani und Mahmud Darwisch in eine Art dichterische Sackgasse geriet – eine Sackgasse der puren Bewunderung und des Staunens!
So mächtig, schön und ausdrucksstark die persische Sprache in meinen Augen auch ist, so fand ich bei der Begegnung mit der arabischen Dichtung deren ästhetische Kraft und Bildhaftigkeit ein Vielfaches höher, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.
Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die innige Verwurzelung der arabischen Poesie im wirklichen menschlichen Leben. Bei Nizar Qabbani verschmilzt die Liebe mit Freiheit, Frau und Gesellschaft. Bei Mahmud Darwisch ist die Heimat nicht nur ein geografischer Ort, sondern ein Speicher von Erinnerung, Identität und menschlichem Schicksal.
In der Dichtung von Ghayath Almadhoun wiederum sind Krieg, Vertreibung und menschliches Leid so greifbar gegenwärtig, als spräche der Dichter unmittelbar aus der Wunde heraus. Ghayath spricht aus der Sicht der Kriegstoten. Und Ghada stellt Ungerechtigkeit so bildhaft dar, dass man, ist man der Poesie zugetan, wie vom Blitz getroffen auf der Stelle verharrt.
Oder jener Vers von Ziba Khalil, der mich stets mit Sehnsucht erfüllt und fragen lässt, warum ich ihn nicht selbst verfasst habe: „Du bist mein wunde Punkt. Mit dir kann man mich vernichten und in Verwirrung stürzen.“
Natürlich möchte ich keine dieser beiden Literaturen über die andere stellen. Auch die persische Poesie besitzt ein gewaltiges und glänzendes Erbe. Beide Literaturen handeln von Liebe, Freiheit, Fremdheit und dem Leid des Menschen.
Doch in der arabischen Dichtung, die ich lesen durfte, fand ich eine Unmittelbarkeit, Kühnheit und Nähe zur Realität des Lebens, die mich zutiefst erschüttert hat.
Ich habe das Gefühl, dass Dichtung für viele dieser Autoren kein bloßes Kunststück oder Spiel mit Worten ist; sie ist eine Notwendigkeit zum Überleben, zum Aufbegehren und zum Zeugnisablegen vom menschlichen Schmerz – eine Dichtung, die sich im Inneren des Menschen vollzieht, noch bevor sie niedergeschrieben wird.
Mag dieser Ausspruch ungerecht oder übertrieben klingen: Ich bin überzeugt, dass Sprachen anders gestorben wären, hätte es die Poesie nicht gegeben. Die Dichtung hat den lebendigen und kraftvollen Sprachen Leben eingehaucht.
Die Gemeinsamkeit beider Literaturen liegt in der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Leid; der Unterschied jedoch, den ich spüre, liegt in der Art und Weise, wie dieses Leid abgebildet wird. Der arabische Dichter sucht nicht das Spiel in der Form, sondern holt das Leben unprätentiös in seine Worte und formt daraus Poesie. Der persischsprachige Dichter verstrickt sich mitunter, ehe er zum Wesen des Lebens vordringt, in Fesseln, Stilmittel und Metaphern.
Siebte Frage: Die Potenziale der afghanischen Literatur in Ägypten
Gozaare: Welche Möglichkeiten eröffnet Ägypten für die Vermittlung der afghanischen Literatur, gemessen an Ihren persönlichen Erfahrungen mit Buchveröffentlichungen, dem Zuspruch von Kritikern und Ihrer Präsenz in ägyptischen Kulturkreisen? Lässt sich Ägypten als ein Einlassor tor für afghanische Dichter und Autoren in die arabische Literaturwelt betrachten?
Saghar: Ich kann mit absoluter Offenheit sagen: Zweifellos existieren hier wertvolle und weitreichende Chancen.
Hätte es einen solchen Raum nicht gegeben, wie hätte ich als Frau, deren Bild in ihrer Heimat von den Buchdeckeln getilgt und deren Werke aus den Buchhandlungen verbannt wurden, in Ägypten einen derart ehrenvollen Empfang und Respekt erfahren können?
In Afghanistan ist das literarische Klima leider allzu oft von exklusiven Seilschaften und Zweckbündnissen geprägt; in Ägypten jedoch wurde ich in verschiedenen Städten gänzlich ohne finanzielles Eigeninteresse für meine Arbeit geehrt. Menschen, die selbst mit wirtschaftlichen Hürden ringen, empfingen meine Poesie und meine Gedanken mit einer kulturellen Großzügigkeit und einer beispiellosen Herzlichkeit. In Belbeis begegnete ich dem renommierten ägyptischen Autor Mohammad Adib. Seine Familie und er empfingen mich auf eine Weise, deren Herzlichkeit ohne viele Worte mein Leben lang in meiner Erinnerung bleiben wird. Sie stellten meine Bücher in den Universitäten und an Orten des Geistes zur Verfügung. Sie ehrten nicht mich, sie ehrten die Literatur.
Demnächst ist eine weitere große literarische Veranstaltung zur Vorstellung und Würdigung meiner Gedichte geplant.
Meine Erfahrung hat gezeigt, dass Ägypten für die afghanische Literatur nicht bloß ein Ort des Druckens und Verlegens ist, sondern als Brücke zwischen zwei alten Zivilisationen und zwei großen Literaturwelten fungieren kann. Die Ägypter bringen der persischen Sprache, deren historischer Tradition und dem poetischen Erbe tiefe Wertschätzung entgegen. Ich stehe derzeit in einer Gruppe arabischer Dichter mit zweihundert Mitgliedern in täglichem literarischem Austausch. Meine Gedichte wurden in der Zeitschrift Al-Azhar publiziert; es wurden sogar Artikel über meine Reise verfasst, die mir bald zugänglich sein werden.
Ich glaube fest daran, dass jeder Dichter aus Afghanistan, der mit einem eigenständigen Gedanken, einer authentischen Stimme und Werken von menschlicher und literarischer Tiefe diesen Boden betritt, einen gebührenden Platz in dessen Kulturlandschaft finden kann.
In Ägypten begriff ich, dass Poesie – bevor sie der Nationalität oder Geografie eines Dichters zugeordnet wird – dem gemeinsamen Raum des menschlichen Fühlens und Denkens angehört; und wo immer Kultur lebt, verhallt keine echte Stimme ungehört.
Achte Frage: Literatur, Zeit und menschliche Verantwortung
Gozaare: Wenn wir dieses Gespräch mit Ihren Schlussworten beschließen wollen, würden wir gerne erfahren, worüber Sie dieser Tage am meisten nachdenken. Welches Anliegen beschäftigt Sie angesichts Ihrer literarischen, forscherischen und sozialen Aktivitäten am intensivsten?
Saghar: Ich kam aus dem Land der Wunden, mit einem Bündel unvollendeter Träume und Wörtern, die sich niemals ergeben haben…
In diesen Tagen habe ich den Wert der Zeit schärfer denn je begriffen. Mir ist erst richtig bewusst geworden, wie kurz das Leben ist und wie viele ungesagte Worte, unvollendete Werke und unerfüllte Sehnsüchte wir mit uns tragen.
Ich studiere, arbeite, schreibe und stehe parallel zu meinen literarischen und künstlerischen Verpflichtungen mit Frauen, Autoren, Wissenschaftlern und Medien im Austausch. Manchmal wächst mir die Last dieser Verantwortlichkeiten so sehr über den Kopf, dass ich wahre Erschöpfung spüre.
Gerade erst verfassen zwei junge Frauen aus Afghanistan online ihre akademischen Abschlussarbeiten über meine Werke, und ich habe einen beträchtlichen Teil meiner Zeit darauf verwendet, Gespräche mit ihnen zu führen und sie zu unterstützen.
Dennoch: Wenn ich sehe, dass junge Frauen in Afghanistan trotz aller Beschränkungen an der Literatur, der Forschung und dem Lernen festhalten, erhält meine Müdigkeit eine ganz andere Bedeutung.
Ich möchte jede Minute und jede Stunde meines Lebens nutzen. Ich spüre, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt, um all das umzusetzen, was mir durch den Kopf geht. Schon früher hielt ich nicht viel von langem Schlaf, doch nun kürze ich sogar meine Schlafenszeiten, um mehr zu lesen, mehr zu lernen, mehr zu schreiben und einen größeren Beitrag zur Aufklärung und zur Verteidigung der Rechte der afghanischen Frauen zu leisten.
Ich kenne die Rachezüge der Haie genau / Unter den vom eigenen Blut umspülten Fischen
Manchmal frage ich mich, wie spät wir erst die Bedeutung der Zeit erkennen. Generationen afghanischer Frauen haben ihr Leben im Warten verbracht – im Warten auf Freiheit, auf Bildung, auf das Recht zur freien Wahl und darauf, dass ihre Weiblichkeit anerkannt wird. Die Gender-Apartheid war über Hunderte von Jahren hinweg die größte Herausforderung für uns Frauen. Natürlich hat die Ankunft dieses mörderischen und ignoranten Regimes unsere Lage noch schwerer gemacht; doch je härter die Bedingungen werden, desto entschlossener müssen wir zum Kampf bereit sein.
Generationen von Frauen sind in der Sehnsucht nach ihren elementarsten Rechten gealtert, und es gibt junge Mädchen, deren Jugend hinter verschlossenen Türen von Schulen und Universitäten verweht – und dieser Schmerz quält mich zutiefst, weil ich angesichts dieser Frauen eine schamvolle Last empfinde. Wir müssen handeln. Wir müssen rascher zur Tat schreiten…
Ich möchte keine bloße Zuschauerin dieser Epoche sein. Ich will nicht eines Tages auf die Vergangenheit zurückblicken und mir sagen müssen, dass ich hätte handeln, ein Wort sprechen, den Stift erheben oder eine Frau unterstützen können, es aber nicht getan habe.
Literatur ist für mich längst nicht mehr nur der Raum, in dem Schönheit entsteht; sie ist eine humanitäre Verantwortung. Wenn Poesie in der Finsternis kein Licht anzünden, wenn sie der Erniedrigung des Menschen nicht entgegentreten und wenn sie nicht die Stimme derer sein kann, die zum Schweigen gebracht wurden, so versäumt sie einen Teil ihrer Mission.
Mir ist bewusst, dass man mit einem einzigen Gedicht die Welt nicht verändern und mit einem Buch nicht sämtliche Mauern der Ignoranz einreißen kann; doch ich glaube daran, dass keine Mauer der Welt für immer gegen das Licht der Erkenntnis Bestand hat. Jedes Buch, jeder Gedanke und jede Stimme, die zur Aufklärung beiträgt, kann einen Stein aus der Mauer der Unwissenheit brechen.
In mir tausend Krüge voll Regen, in mir das Fieber brechender Pappeln
Von Gefährten mit Dolchen und Klingen getroffen, bin ich als gepeinigte Frau bekannt
Ich will, dass sich das Gesicht der afghanischen Frau von der „Opferrolle“ zur „Heldin“ wandelt; dass Frauen die Heldinnen ihres eigenen Lebens und ihrer eigenen Epoche werden.
Frauen, die im Inneren zerbrochen sind, wachsen an ihrem Schmerz. Die Frauen Afghanistans haben sich selbst nie wirklich gelebt oder erkannt. Sie leben nach Maßstäben, die ihnen von einem rückständigen, patriarchalischen Blick der Gesellschaft diktiert wurden.
Meine größte Sorge gilt nicht dem Tag, an dem mein irdisches Leben endet. Ich hänge nicht an einem langen Leben. Meine Sorge ist vielmehr, dass mir die Lebenszeit entgleiten könnte, ohne das vollbracht zu haben, was meine Pflicht ist – denn der Kampf für das Leben darf uns das Leben selbst nicht rauben.
Wir Frauen Afghanistans haben keinen Spielraum mehr, um noch eine weitere Generation dem Warten auf ein ungewisses Morgen zu opfern. Wenn wir heute nicht für Aufklärung, Freiheit und Menschenwürde eintreten, könnte es für viele Mädchen unseres Landes morgen bereits zu spät sein.
Ich will nicht einfach spurlos durch meine Zeit gehen; ich möchte Spuren in meiner Zeit hinterlassen. Nicht allein durch meinen Namen oder durch meine Bücher, sondern durch einen Gedanken, der auch nach meinem Fortgehen dem Leben, der Freiheit und der Menschlichkeit dient.
Denn ich glaube daran, dass der Wert des Lebens nicht an den gezählten Jahren gemessen wird, die wir verbrachten, sondern an dem Licht, das wir in der Finsternis unserer Zeit hinterlassen haben.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten und Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Politik oder Position von Gozaare wider.


