{"id":3044,"date":"2026-08-13T05:04:56","date_gmt":"2026-08-13T00:34:56","guid":{"rendered":"https:\/\/gozaare.com\/?p=2908"},"modified":"2026-08-13T05:04:56","modified_gmt":"2026-08-13T00:34:56","slug":"zwischen-zwei-heimatlosigkeiten-teil-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gozaare.com\/de\/zwischen-zwei-heimatlosigkeiten-teil-4\/","title":{"rendered":"Zwischen zwei Heimatlosigkeiten (Teil IV)"},"content":{"rendered":"<figure><img decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"640\" src=\"https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13.jpg\" alt=\"Dawood Erfan\" class=\"wp-image-407\" loading=\"lazy\" srcset=\"https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13.jpg 640w, https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13-300x300.jpg 300w, https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<p><strong><em>Teil 4<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Bautzen \u2013 ein Ort zwischen Aufbruch und Bleiben<\/strong><\/p>\n<p>Als ich ein Kind war, las mir eine Wahrsagerin aus der Hand und sagte: \u201eDein Schicksal ist das Umherirren: von einer Stadt zur n\u00e4chsten, von einem Land zum anderen. Du bist ein Reisender durch die Zeit!\u201c<\/p>\n<p>Damals hatte mich ihre Prophezeiung begeistert. Ein Reisender durch die Zeit zu sein, durch die Welt zu ziehen, von Stadt zu Stadt \u2013 f\u00fcr meinen kindlichen Geist lag darin ein besonderer Zauber. Ich glaubte den Worten der Wahrsagerin. Erst als ich \u00e4lter wurde, begriff ich, dass ein anderer Name f\u00fcr den \u201eReisenden durch die Zeit\u201c vielleicht <strong>der Vertriebene<\/strong> ist. Und dass W\u00f6rter, die sich in ihrer Bedeutung nahe sind, im Innersten doch so weit auseinanderliegen k\u00f6nnen wie zwei Leben.<\/p>\n<p>Ich bin von Stadt zu Stadt gezogen, von einem Land in ein anderes, bis ich hierher gelangt bin. Heute wei\u00df ich, wie naiv diese kindliche Begeisterung war. Nun, da ich zwischen zwei Formen der Heimatlosigkeit stehe, w\u00fcnsche ich mir manchmal, jene Wahrsagerin meiner Kindheit w\u00fcrde noch einmal meine Hand lesen \u2013 nur damit ich mich wieder an ihren Worten festhalten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass Wahrsagerei nichts weiter als ein Zeitvertreib ist. Aber wenn man zwischen zwei Heimatlosigkeiten steht, klammert man sich an jedes Wort und an jedes noch so kleine Zeichen einer besseren Zukunft.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich keine Stadt. Bautzen ist eine <strong>dreij\u00e4hrige Geschichte<\/strong> \u2013 eine Geschichte, die drei Jahre meines Lebens in einer anderen Welt erz\u00e4hlt. Eine Stadt, die viele meiner Vorstellungen ver\u00e4ndert, neue Horizonte vor meinen Augen ge\u00f6ffnet und mir Erfahrungen geschenkt hat, die meinen Blick auf die Welt ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich nicht nur eine Stadt. Es ist ein Gef\u00fchl der Fremdheit, das von den W\u00fcsten Westafghanistans in die W\u00e4lder Ostdeutschlands gewandert ist. Ein Bild, das sich in meinen Gedichten, meinen Geschichten und meinen Worten bewegt \u2013 gemeinsam mit Herat, Farah, Kabul und Balch.<\/p>\n<p>Bautzen hat einen eigent\u00fcmlichen Geschmack: manchmal bitter, manchmal s\u00fc\u00df. Doch die Bitterkeit habe ich vergessen. Was mir von meinem Leben hier geblieben ist, schmeckt in meiner Erinnerung vor allem nach den s\u00fc\u00dfen Seiten des Lebens.<\/p>\n<p>Mit seiner sch\u00f6nen Burg und seinen gepflasterten Stra\u00dfen f\u00fchrt mich Bautzen zur\u00fcck nach Herat \u2013 zu jenen N\u00e4chten, in denen ich vom Viertel Tschahar-Su auf die steinerne Stra\u00dfe nach Chadscha Rach ging, durch enge, verschlungene Gassen bis zur Zitadelle von Herat.<\/p>\n<p>Dann betrat ich wieder den Asphalt der Stra\u00dfen, ging auf die hoch aufragenden Minarette Herats zu und nahm schlie\u00dflich denselben Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ja, ich war ein <strong>Nachtwanderer von Herat<\/strong> \u2013 ein Mensch, der nachts durch die Stadt ging, dabei durch die Geschichte wanderte und mit ihr verschmolz.<\/p>\n<p>Auch in Bautzen bin ich zu diesem Nachtwanderer geworden: derselbe Wanderer durch die Nacht, derselbe Suchende in den Schichten der Geschichte.<\/p>\n<p>Ramin Rahimi und ich sind in vielen N\u00e4chten durch die Gassen Bautzens gegangen \u2013 durch N\u00e4chte, die hier viel fr\u00fcher beginnen als in unserer Heimat. Die verschneiten N\u00e4chte Bautzens und ihre geheimnisvolle Stille sind f\u00fcr mich l\u00e4ngst nicht mehr nur eine Erfahrung. Sie sind ein Teil meines Daseins geworden, haben sich in meinem Ged\u00e4chtnis und meiner Seele niedergelassen.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich nicht nur eine Stadt. Bautzen ist der Name von Menschen, die in den schwierigsten Tagen meines Lebens an meiner Seite gewesen sind.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Ute \u2013 und Kay jenes wunderbare Ehepaar, das sich mit uns gefreut und mit unserem Leid mitgelitten hat. Ihr Haus war f\u00fcr uns immer auch ein Zuhause. Jeden Dienstag erwarten sie uns mit offenen Armen.<\/p>\n<p>Ich selbst konnte diese sch\u00f6nen Begegnungen leider nur selten wahrnehmen. Mein Sohn Mohammad jedoch hat diese wunderbare Tradition bewahrt, von Ute gelernt und immer wieder ihre Hilfe erfahren.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Katharina \u2013 eine warmherzige Lehrerin, deren Ruhe, W\u00fcrde und Menschlichkeit mir immer ein Vorbild gewesen sind. Eine aufmerksame und freundliche Frau, die unseren Schmerz verstand, noch bevor wir \u00fcberhaupt ein Wort dar\u00fcber gesagt hatten.<\/p>\n<p>Noch heute fragt sie meine Tochter Parastoo nach mir und meiner Familie. Sie hat uns nicht vergessen.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Wolfgang \u2013 ein Mann, der hinter seiner \u00e4u\u00dferlichen W\u00fcrde einen zutiefst liebenswerten und warmherzigen Charakter tr\u00e4gt. Wolfgang ist ein Freund, den beinahe jeder Gefl\u00fcchtete kennt; ein Mann, dem viele Gefl\u00fcchtete ihre Sorgen und Geheimnisse anvertraut haben.<\/p>\n<p>Er hat viel daf\u00fcr getan, dass wir uns in dieser Stadt wohler f\u00fchlen und das Leben hier etwas leichter nehmen konnten.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Jurij \u2013 ein charmanter Mann aus der sorbischen Kultur, dessen Wissen und Erfahrung mir neben dem deutschen Erbe auch eine andere, hier verwurzelte kulturelle Welt er\u00f6ffnet haben.<\/p>\n<p>Wie Wolfgang ist Jurij ein gepflegter Mensch mit einem warmen Herzen \u2013 jemand, in dessen Gesellschaft man sich unmittelbar wohl und geborgen f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Manja und Sophie \u2013 zwei Frauen, durch die ich eine andere Seite der Kultur dieser Stadt kennengelernt habe. Menschen, die an Toleranz und Menschlichkeit glauben.<\/p>\n<p>Wann immer wir eine kulturelle Veranstaltung organisieren wollten, haben sie uns freundlich unterst\u00fctzt und mir mit ihrem L\u00e4cheln immer neue Kraft gegeben.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Zuzit \u2013 eine warmherzige Frau, die keine Uhr kennt, wenn es darum geht, Gefl\u00fcchteten zu helfen, und die ihre ganze Kraft darauf verwendet, deren Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Zuzit ist einer jener Namen, die in unserer migrantischen Gemeinschaft beinahe jeder kennt.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Frau Sp\u00e4nig \u2013 eine Frau, die uns im Jobcenter stets mit Respekt begegnet ist und nichts unversucht gelassen hat, um unsere Integration in die Gesellschaft zu unterst\u00fctzen. Wann immer sich irgendwo ein Knoten gebildet hat, hat sie mit Umsicht geholfen, ihn zu l\u00f6sen. F\u00fcr mich ist sie nicht nur eine erfolgreiche und rechtsbewusste F\u00fchrungskraft, sondern vor allem ein Mensch, dessen menschliches und respektvolles Verhalten Bewunderung verdient.<\/p>\n<p>Bautzen ist f\u00fcr mich Matthias<strong>.<\/strong> Ein freundlicher und hilfsbereiter Mann, der sich immer wieder daf\u00fcr eingesetzt hat, dass mein Sohn Soroush in einer Fu\u00dfballmannschaft spielen konnte. Mehrmals fuhr er uns mit seinem eigenen Auto zu verschiedenen Vereinen und half uns dabei, einen passenden Verein f\u00fcr Soroush zu finden. Schlie\u00dflich gelang es ihm, eine Mannschaft f\u00fcr Soroush zu finden.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist Bautzen f\u00fcr mich auch jene Physiotherapeutin, die uns in den schweren Wochen nach Mahsas Beinbruch geholfen hat.<\/p>\n<p>Als wir sie kaum mit dem Bus transportieren konnten, brachte sie meine Tochter mit ihrem eigenen Auto nach Malschwitz. Noch heute fragt sie mich jedes Mal nach Mahsa, wenn wir uns sehen, und schenkt mir mit ihren wenigen, herzlichen Worten neuen Mut.<\/p>\n<p>Kann man so vielen guten Menschen begegnen und danach an etwas anderes als an das Gute denken?<\/p>\n<p>Ich komme aus einer Kultur, in der die Achtung vor dem Gastgeber einen hohen Stellenwert besitzt. Deshalb blicke ich mit Dankbarkeit auf die Stadt, die mir und meiner Familie seit drei Jahren Schutz und ein Zuhause bietet.<\/p>\n<p>Nein \u2013 vielleicht sollte ich es anders sagen:<\/p>\n<p><strong>Ich f\u00fchle mich dieser Stadt zugeh\u00f6rig.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass Bautzen \u2013 wie Farah, wie Herat, wie Maschhad und Bandar Abbas im Iran \u2013 zu einem Teil meiner Identit\u00e4t geworden ist.<\/p>\n<p>Bautzen hat mich manchmal auch m\u00fcde gemacht \u2013 so m\u00fcde, dass ich mir immer wieder geschworen habe, diese Stadt zu verlassen. Besonders dann, wenn ich in den Worten, im Verhalten oder im Handeln mancher Menschen deutlich Diskriminierung erfahren oder beobachtet habe; oder wenn ich auf die Fragen meiner Kinder keine Antwort wusste.<\/p>\n<p>Ich werde niemals den Tag vergessen, an dem ich Mahsa zum Arzt gebracht hatte und wir auf dem R\u00fcckweg durch die Innenstadt gehen mussten.<\/p>\n<p>Leise sagte sie:<\/p>\n<p>\u201ePapa, lass uns durch die kleinen Seitenstra\u00dfen nach Hause gehen. Ich mag die Innenstadt nicht.\u201c<\/p>\n<p>Als ich sie fragte, warum, antwortete sie mit einem unschuldigen Blick:<\/p>\n<p>\u201eDort demonstrieren sie gegen Migranten.\u201c<\/p>\n<p>Bis heute denke ich dar\u00fcber nach, wie viele bittere Erinnerungen Bautzen unseren Kindern hinterlassen hat \u2013 eine Stadt, in deren Schulen Mitsch\u00fcler zu Kindern mit Migrationsgeschichte bisweilen sagen:<\/p>\n<p><strong>\u201eGeh weg!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Bautzen war f\u00fcr mich immer eine Stadt zwischen Aufbruch und Bleiben \u2013 ein Ort, der jenem vertrauten Gef\u00fchl entspricht:<\/p>\n<p><strong>Ich habe weder die Kraft zu gehen noch das Herz zu bleiben.<\/strong><\/p>\n<p>Eine Stadt, an die ich mich gew\u00f6hnt habe und in der ich einige wenige Freunde gefunden habe, die \u2013 um es mit den Worten des gro\u00dfen persischsprachigen Dichters Sohrab Sepehri zu sagen \u2013 <strong>\u201ebesser sind als flie\u00dfendes Wasser\u201c<\/strong>.<\/p>\n<p>Manchmal wird es schwer, die Unfreundlichkeit zu ertragen, und sie scheint die wenigen Momente der G\u00fcte zu \u00fcberdecken.<\/p>\n<p>Und dennoch:<\/p>\n<p><strong>Ich liebe Bautzen.<\/strong><\/p>\n<p>Und wo immer ich auch sein werde, Bautzen wird ein Teil meiner vielschichtigen, geteilten Identit\u00e4t bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 4 Bautzen \u2013 ein Ort zwischen Aufbruch und Bleiben Als ich ein Kind war, las mir eine Wahrsagerin aus der Hand und sagte: \u201eDein Schicksal ist das Umherirren: von einer Stadt zur n\u00e4chsten, von einem Land zum anderen. Du bist ein Reisender durch die Zeit!\u201c Damals hatte mich ihre Prophezeiung begeistert. 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