{"id":3041,"date":"2026-07-01T04:30:31","date_gmt":"2026-07-01T00:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/gozaare.com\/?p=2791"},"modified":"2026-07-01T04:30:31","modified_gmt":"2026-07-01T00:00:31","slug":"zwischen-zwei-heimatlosigkeiten-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gozaare.com\/de\/zwischen-zwei-heimatlosigkeiten-teil-1\/","title":{"rendered":"Zwischen zwei Heimatlosigkeiten (Teil I)"},"content":{"rendered":"<figure><img decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"640\" src=\"https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13.jpg\" alt=\"Dawood Erfan\" class=\"wp-image-407\" loading=\"lazy\" srcset=\"https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13.jpg 640w, https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13-300x300.jpg 300w, https:\/\/gozaare.com\/de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/photo_2023-11-15_01-19-13-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Vorwort<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erster Teil: Sachsen \u2013 der r\u00e4tselhafte und vielschichtige Osten<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich war Weltb\u00fcrger &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt, da ich \u00fcber jene Tage und N\u00e4chte voller Angst schreibe, durchzuckt ein stechender Schmerz mein Herz. Wirklich begreifen kann jene Zeit nur, wer den Krieg selbst erlebt hat. Ich jedoch bin in ihm aufgewachsen \u2013 ein Kind des Krieges, ein Jugendlicher der Vertreibung und ein Mann mittleren Alters, gezeichnet von Heimatlosigkeit und rastlosem Umherirren.<\/p>\n<p>Die Erinnerungen an den Krieg verlangen nach einem eigenen Buch; sie verdienen Raum und eine ausf\u00fchrliche Erz\u00e4hlung. Hier jedoch geht es um etwas anderes: um mein Leben und das Leben jener Menschen, die \u2013 wie ich \u2013 zwischen zwei Formen der Heimatlosigkeit gefangen sind; Menschen, die weder dort Frieden fanden noch hier wirklich bei sich selbst angekommen sind.<\/p>\n<p>Vielleicht habe ich von allen Menschen, die ich kenne, Heimatlosigkeit am tiefsten erfahren. W\u00e4hrend andere von Vaterland, Heimat und nationaler Zugeh\u00f6rigkeit sprachen und den Ruhm ihrer Nation besangen, war ich Weltb\u00fcrger \u2013 und zugleich der heimat- und identit\u00e4tsloseste Mensch in dieser weiten Welt.<\/p>\n<p>Es waren Tage voller Unruhe. Der amerikanische Pr\u00e4sident Biden hatte \u00fcberraschend den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan angek\u00fcndigt, und auch die Verb\u00fcndeten der Vereinigten Staaten folgten dem \u201eHerrscher der Welt\u201c und verlie\u00dfen das Land. Die Verhandlungen von Doha n\u00e4hrten in vielen Herzen einen letzten Hoffnungsschimmer. Doch ich hatte Politikwissenschaft studiert und verstand zumindest ansatzweise die Mechanismen der internationalen Politik. Deshalb war mir klar geworden, dass die Zukunft weit d\u00fcsterer sein w\u00fcrde, als wir es uns vorstellen konnten. Aus diesem Grund hatte ich bereits zwei Jahre vor der Auslieferung Afghanistans an die terroristische Taliban-Gruppe f\u00fcr alle Mitglieder meiner Familie P\u00e4sse besorgt und mich innerlich auf eine neue Flucht vorbereitet.<\/p>\n<p>Ja \u2013 die Welt war dabei, uns ohne Z\u00f6gern der wohl brutalsten Terrororganisation unserer Zeit auszuliefern. Als der Abzug der amerikanischen Truppen begann, r\u00fcckten die Taliban wie Heuschreckenschw\u00e4rme aus den Randgebieten auf die St\u00e4dte vor. Der uralte Krieg zwischen Stadt und Land war erneut entbrannt \u2013 ein Krieg, der in unserer Geschichte keineswegs selten war und fast immer mit dem Sieg des Landes \u00fcber die Stadt endete.<\/p>\n<p>Die Truppen Ismail Khans, eines lokalen Kommandeurs in Herat, standen den Taliban gegen\u00fcber \u2013 ohne jede Unterst\u00fctzung, ohne jede Hilfe. Die Stadt hatte das Gesicht eines Kriegsgebiets angenommen. Nacht f\u00fcr Nacht hallten Sch\u00fcsse bis zum Morgengrauen durch die Stra\u00dfen. Meine achtj\u00e4hrige Tochter Mahsa schreckte bei jeder Explosion aus dem Schlaf hoch und fl\u00fcchtete sich in die Arme ihrer Mutter und in meine. Es waren schwere N\u00e4chte \u2013 dunkler noch als die dunkelsten N\u00e4chte. Trotz Angst und Explosionen blieben die Tore der Universit\u00e4t ge\u00f6ffnet, und wir setzten unsere Lehrveranstaltungen fort. Eines Tages tauchte in den sozialen Medien eine Liste von Universit\u00e4tsdozenten auf, die offenbar von einem \u00f6rtlichen Taliban-Kommandeur verfasst worden war. Sechzehn Professoren wurden darin wegen ihrer Gegnerschaft zu den Taliban, wegen der Verbreitung westlicher und s\u00e4kularer Ideen sowie wegen ihrer Zusammenarbeit mit ausl\u00e4ndischen Institutionen mit dem Tod bedroht.<\/p>\n<p>Mein Name stand an vierzehnter Stelle. Niemand konnte best\u00e4tigen oder widerlegen, ob diese Drohung echt war. Doch wir alle wussten, dass wir \u00e4u\u00dferste Vorsicht walten lassen mussten. Ich setzte alles daran, meiner Familie diese Bedrohung zu verheimlichen. Jeden Morgen, wenn ich zur Universit\u00e4t aufbrach, blickte ich in das vom Leid gezeichnete Gesicht meiner Mutter, betrachtete meine Frau und meine Kinder schweigend und verabschiedete mich in Gedanken von ihnen.<\/p>\n<p>Niemand konnte garantieren, dass ich am Abend lebend zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. Jeden Tag w\u00e4hlte ich einen anderen Weg zur Universit\u00e4t und einen anderen R\u00fcckweg nach Hause. Die Stadt war tot. Selbst die Minarette Herats, Sinnbild ihres historischen Stolzes, schienen ihre Ruhe verloren zu haben, und die blaue Freitagsmoschee wirkte, als sei ihre Farbe verblasst. In jenen Tagen voller Angst wurde meine Studie <em>\u201eAnalyse der Ursachen der Sicherheitskrise in Herat\u201c<\/em> vom Afghanistan Institute for Strategic Studies vorgestellt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Buchpr\u00e4sentation kritisierte einer der Professoren den religi\u00f6sen Extremismus. Kurz darauf ver\u00f6ffentlichte ein Journalist einen Bericht, in dem er die Pr\u00e4sentation des Buches als Stellungnahme der Universit\u00e4tsdozenten gegen die Religion darstellte. Der damalige Rat der Religionsgelehrten von Herat zitierte den Professor vor, zwang ihn zu einer \u00f6ffentlichen Reuebekundung und ver\u00f6ffentlichte seine Entschuldigung in den sozialen Medien.<\/p>\n<p>Einer der Mitglieder dieses Gelehrtenrates, den ich bereits fl\u00fcchtig kannte, riet mir aus ehrlicher Sorge, ebenfalls vor den Rat zu treten, Reue zu zeigen und um Entschuldigung zu bitten.<\/p>\n<p>Doch wof\u00fcr h\u00e4tte ich Reue zeigen sollen?<\/p>\n<p>Ich lehnte seinen Rat ab.<\/p>\n<p>Mit ruhiger, bed\u00e4chtiger Stimme sagte er am Telefon:<\/p>\n<p>\u201eDann pass gut auf dich auf. Die Todesschwadronen beseitigen Menschen ohne Z\u00f6gern. Jetzt, da dein Buch so viel Aufsehen erregt hat, geh wenigstens f\u00fcr eine Weile nach Kabul, bis sich alles beruhigt hat.\u201c<\/p>\n<p>Aber ich konnte meine Familie nicht zur\u00fccklassen und nach Kabul gehen.<\/p>\n<p>In dieser ungewissen Zeit \u00fcberlie\u00df ich mich meinem Schicksal. Und ich blieb.<\/p>\n<p>Die Tage vergingen, und die Taliban r\u00fcckten der Stadt unaufhaltsam n\u00e4her. Inzwischen hallten die Sch\u00fcsse bereits durch die Gassen der s\u00fcdlichen Stadtviertel, und sie hatten begonnen, Haus f\u00fcr Haus zu durchsuchen.<\/p>\n<p>In einer jener N\u00e4chte, in denen das Knattern der Sch\u00fcsse n\u00e4her war als je zuvor und die Taliban bereits die benachbarten Gassen durchsuchten, legte meine Frau all meine Urkunden, Arbeitsvertr\u00e4ge und Auszeichnungen in ein Gef\u00e4\u00df und z\u00fcndete sie an. Nur meine akademischen Zeugnisse konnte ich sie unter flehentlichen Bitten behalten lassen.<\/p>\n<p>Verzweifelt blickte ich auf all die Dokumente, die ich in den vergangenen zwanzig Jahren erhalten hatte. Tr\u00e4nen liefen \u00fcber die Gesichter aller; selbst die kleine Mahsa weinte. Ich sah mein ganzes Lebenswerk in Flammen aufgehen.<\/p>\n<p>Doch eine weitere Gefahr lauerte noch immer in unserem Haus: meine Privatbibliothek.<\/p>\n<p>Eine Bibliothek, die ich \u00fcber viele Jahre hinweg mit unendlicher M\u00fche und Leidenschaft aufgebaut hatte. Mehr als f\u00fcnftausend B\u00fccher \u2013 \u00fcber Philosophie, Literatur, Politik, Kunst und Soziologie. Jedes einzelne h\u00e4tte als Beweis meines Andersdenkens gelten k\u00f6nnen, als Belastungsmaterial f\u00fcr meine Verurteilung.<\/p>\n<p>Was h\u00e4tte man in jener finsteren Nacht mit all diesen B\u00fcchern auch anfangen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Irgendwann ging diese Nacht der Angst zu Ende. Zu unserem Gl\u00fcck erreichten die Taliban unsere Gasse nicht.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kam jener verh\u00e4ngnisvolle Tag. Der Tag, an dem bewaffnete Taliban aus mehreren Richtungen in die Stadt eindrangen.<\/p>\n<p>Ich war gerade dabei, an der Universit\u00e4t zu unterrichten, als meine Frau anrief und mir mitteilte, dass Teile der Stadt bereits gefallen seien. Wir brachen die Vorlesung ab, und jeder ging seines Weges.<\/p>\n<p>Es war, als w\u00e4re das J\u00fcngste Gericht angebrochen. Ich startete meinen Wagen und fuhr nach Hause. Die Stra\u00dfen waren menschenleer; nicht einmal ein Vogel war am Himmel zu sehen. Es schien, als h\u00e4tten sich alle Menschen in ihre H\u00e4user gefl\u00fcchtet.<\/p>\n<p>Ich raste nach Hause. Zehn Minuten sp\u00e4ter hielt ich vor unserem Haus, nahm meine Frau und meine Kinder auf und floh. Als wir die Stra\u00dfe zur Freitagsmoschee von Herat erreichten, h\u00f6rte ich die Sch\u00fcsse bereits ganz aus der N\u00e4he.<\/p>\n<p>Es war beinahe Abend. Im R\u00fcckspiegel sah ich Taliban-K\u00e4mpfer, die hinter unserem Wagen herfuhren. Ich trat das Gaspedal noch weiter durch. Meine Frau murmelte leise Gebete, w\u00e4hrend ich \u2013 wie in einer seltsamen Trance zwischen Angst und Hoffnung gefangen \u2013 den Blick starr auf die Stra\u00dfe gerichtet hielt und zum Haus meiner Schwester fuhr.<\/p>\n<p>In jener Nacht erhob sich von den D\u00e4chern Herats kein Ruf \u201eAll\u0101hu Akbar\u201c mehr \u2013 jener Ruf, der bisher die Verteidiger der Stadt unterst\u00fctzt hatte. Nach einiger Zeit verstummten auch Explosionen und Sch\u00fcsse.<\/p>\n<p>Die Stadt war gefallen. Und der Tod legte seinen Schatten \u00fcber alles. Es war eine dunkle Nacht \u2013 dunkler als jede Nacht, die ich je erlebt hatte. Zwanzig Jahre Hoffnung und Tr\u00e4ume waren innerhalb weniger Stunden zu Asche geworden, und niemand wusste, was der n\u00e4chste Tag f\u00fcr uns bereithalten w\u00fcrde. Ich war damals Doktorand an der Ferdowsi-Universit\u00e4t in Maschhad und besa\u00df ein Studentenvisum.<\/p>\n<p>Meine Mutter sagte zu mir: \u201eFahr morgen fr\u00fch nach Maschhad. Gott wird \u00fcber dich wachen, mein Sohn.\u201c<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen nahm ich all meinen Mut zusammen und wollte das Haus verlassen. \u201eGeh nicht!\u201c, schrie meine Mutter.<\/p>\n<p>Meine Frau weinte, und meine Kinder starrten mich fassungslos an. Meine Schwestern und meine Neffen stellten sich vor die T\u00fcr und erkl\u00e4rten, sie w\u00fcrden mich nicht hinauslassen. Doch meine Entscheidung stand fest.<\/p>\n<p>Ich musste hinaus. Ich musste diese neue Stadt mit eigenen Augen sehen.<\/p>\n<p>Die Stadt war tot. Wirklich tot.<\/p>\n<p>Ich ging zu Fu\u00df an bewaffneten Taliban vorbei. Aus ihren Gesichtern sprach blanker Schrecken. Doch ich hatte mich l\u00e4ngst mit der Gefahr abgefunden. Was auch geschehen mochte, spielte f\u00fcr mich keine Rolle mehr.<\/p>\n<p>Die Taliban hatten verk\u00fcndet, jeder, der sich bedroht f\u00fchle, solle sich an ihre Amnestiekommission wenden und einen Amnestieschein beantragen. Ich wusste genau, dass dies nichts weiter als eine Falle war. Sie wollten lediglich die Namen ihrer Gegner in Erfahrung bringen. Und au\u00dferdem \u2013 welches Verbrechen h\u00e4tte ich begangen, dass ich ausgerechnet bei Terroristen um Vergebung h\u00e4tte bitten sollen? Ich schwor mir, niemals einen solchen Schritt zu tun. Und ich hielt mein Wort.<\/p>\n<p>Vor dem Gouverneurssitz angekommen, sah ich bewaffnete Taliban feiern. Ihre Anh\u00e4nger hatten sich bereits auf dem zentralen Platz der Stadt versammelt. \u00dcberall waren M\u00e4nner in traditioneller afghanischer Kleidung zu sehen.<\/p>\n<p>Ich hingegen stand dort allein \u2013 in Hemd und Hose. Wie eine fl\u00fcgellose Taube inmitten eines Rudels Hy\u00e4nen. Die Stadt war ihrer Frauen beraubt, ihrer jungen Menschen und des Lebens selbst.<\/p>\n<p>Ein Freund rief mich an und fragte, wo ich sei. \u201eIn der N\u00e4he des Parkplatzes am Hauptplatz\u201c, antwortete ich.<\/p>\n<p>Er glaubte mir nicht.<\/p>\n<p>Ich schwor ihm, dass ich die Wahrheit sagte. \u201eBleib genau dort\u201c, sagte er. \u201eIch komme.\u201c<\/p>\n<p>Kurz darauf erschien er mit dem Auto und zwei weiteren Freunden. Sie nahmen mich mit, fuhren eine Runde durch die Stadt und brachten mich anschlie\u00dfend wieder zum Haus meiner Schwester zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Beim Abschied sagte er: \u201eBitte geh nicht mehr hinaus, bis sich die Lage beruhigt hat.\u201c<\/p>\n<p>Am zweiten Tag nach dem Fall der Stadt ging ich zur Universit\u00e4t. Nur vereinzelte Studierende waren gekommen, ebenso einige Dozenten und Mitarbeiter. Die Angst war in jedem Gesicht zu erkennen. Doch niemand sprach sie aus. Es war, als h\u00e4tten sich alle ihrem Schicksal ergeben. Ich betrat meinen Seminarraum. Lediglich zwei Studierende waren erschienen.<\/p>\n<p>Eine Zeit lang sa\u00df ich reglos und ohne jede Motivation im H\u00f6rsaal. Nachdem die beiden gegangen waren, irrte ich ratlos \u00fcber den Campus. Da kam der Universit\u00e4tspr\u00e4sident auf mich zu. \u201eMach dir keine Sorgen\u201c, sagte er. \u201eDie Taliban haben allen Amnestie gew\u00e4hrt. Trag einfach afghanische Kleidung, dann f\u00e4llst du nicht so sehr auf.\u201c<\/p>\n<p>Ich l\u00e4chelte nur und zitierte einen Vers des gro\u00dfen afghanischen Dichters Ustad Khalili: <strong>Wer den Treueschw\u00fcren dieses listigen Verf\u00fchrers Glauben schenkte,<br \/>dem f\u00e4llt unweigerlich die Geschichte des allzu leichtgl\u00e4ubigen Heerf\u00fchrers wieder ein.<\/strong><\/p>\n<p>Am dritten Tag ging ich in traditioneller afghanischer Kleidung zur Universit\u00e4t. F\u00fcnf oder sechs Studierende waren gekommen. Ich begann mit dem Unterricht. Sie fragten mich nach der Zukunft. Und ich wusste nicht, was ich ihnen antworten sollte \u2013 einer Zukunft, deren Verlauf selbst ich nicht kannte und von der ich nicht wusste, was sie mit uns allen anstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gegen Mittag, als gerade eine weitere Lehrveranstaltung begonnen hatte, rief einer unserer Nachbarn an.<\/p>\n<p>\u201eWo bist du?\u201c, fragte er.<\/p>\n<p>\u201eAn der Universit\u00e4t\u201c, antwortete ich.<\/p>\n<p>Er sagte, mehrere bewaffnete Taliban w\u00fcrden in der N\u00e4he unseres Hauses Stellung beziehen und Passanten nach mir fragen. Ihr Kommandeur hei\u00dfe <strong>Mullah Ghafur<\/strong>, und sie spr\u00e4chen mit dem Dialekt der Provinz Farah.<\/p>\n<p>Ich kannte Mullah Ghafur. Er stammte aus meiner Heimat, sogar aus demselben Dorf wie ich. Er war entschlossen, mich zu t\u00f6ten. In seinen Augen lehrte ich an der Universit\u00e4t westliche, gottlose Ideen, und deshalb sei mein Blut erlaubt.<\/p>\n<p>Seine Drohungen hatten mich schon mehrfach erreicht. Meine Frau und die Kinder waren inzwischen aus dem Haus meiner Schwester in unser eigenes Haus zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Ich rief sie an. Von den bewaffneten M\u00e4nnern in unserer Gasse sagte ich kein Wort. Ich bat sie lediglich, meinen Reisepass zum Haus meiner Schwester zu bringen. Ich verlie\u00df die Universit\u00e4t, kaufte auf dem Markt einen Schal und machte mich auf den Weg dorthin. Meine Frau hatte den Pass bereits mitgebracht. Ich verabschiedete mich von meiner Mutter, meiner Frau, meinen Schwestern und meinen Neffen. Dann bat ich meinen Sohn Mohammad und meinen Neffen, mich bis zum Busbahnhof zu begleiten.<\/p>\n<p>Am Busbahnhof der Strecke Herat\u2013Maschhad legte ich mir den Schal um den Hals und nahm meinen Laptop mit \u2013 einen Laptop, dessen Festplatte ich zuvor vollst\u00e4ndig geleert hatte. Ich blickte Mohammad lange und tief in die Augen. Dann ging ich zu dem Fahrzeug, das nur noch auf seinen letzten Fahrgast wartete, bevor es zur Grenze aufbrechen w\u00fcrde. Ein Klo\u00df schn\u00fcrte mir die Kehle zu, Tr\u00e4nen standen mir in den Augen. Ich wollte nicht, dass Mohammad mich in diesem Augenblick so sah.<\/p>\n<p>Deshalb sagte ich nur: \u201eIch vertraue dir unser Zuhause an. Von jetzt an bist du der Mann der Familie.\u201c<\/p>\n<p>An der iranisch-afghanischen Grenze herrschte dichtes Gedr\u00e4nge. Staub lag \u00fcberall in der Luft. Zwischen iranischen Grenztruppen und den Taliban war es zu einem Schusswechsel gekommen, bei dem ein iranischer Soldat verletzt worden war. Dennoch schadete dieser Zwischenfall den guten Beziehungen zwischen Iran und den Taliban kaum.<\/p>\n<p>Die Mullahs der Taliban in Afghanistan sind ihren iranischen Glaubensbr\u00fcdern in vieler Hinsicht \u00e4hnlich, und ihr Modell des Regierens orientiert sich weitgehend am politischen System der Islamischen Republik Iran \u2013 mit dem Unterschied, dass die Taliban anstelle eines schiitischen einen sunnitisch-fundamentalistischen Staat errichtet haben.<\/p>\n<p>Die Beziehungen zwischen Iran und den Taliban hatten zwar immer wieder geschwankt, doch an dem Tag, an dem ich die Grenze \u00fcberqueren wollte, befanden sie sich auf einem ihrer besten H\u00f6hepunkte. Die iranischen Zeitungen begr\u00fc\u00dften den Sieg dessen, was sie selbst als die \u201eauthentische Bewegung der Region\u201c bezeichneten, und vermittelten den Eindruck, den Amerikanern und dem Westen damit eine Lektion erteilt zu haben.<\/p>\n<p>Ich selbst war nun zwischen Iran und Afghanistan wie zwischen zwei Mahlsteinen gefangen. Ein einsamer, umherirrendender Spatz, der nicht wusste, zu welchem Nest er fliegen sollte. Nur besa\u00df ich gar kein Nest mehr.<\/p>\n<p>Wohin h\u00e4tte ich also gehen sollen?<\/p>\n<p>Mein Schicksal zog mich zu meiner Universit\u00e4t \u2013 einer Universit\u00e4t, deren Lehrbetrieb bereits zu Ende war und an der ich nur noch meine Doktorarbeit verteidigen musste. Und was danach kommen w\u00fcrde? Das wusste allein Gott. Wegen der Gefechte hatten die Taliban an diesem Tag mehrere Kontrollstellen eingerichtet. An der ersten Kontrollstelle bemerkte ein junger Taliban meinen Laptop und fragte: \u201eWas arbeitest du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin Kaufmann\u201c, antwortete ich.<\/p>\n<p>Wie h\u00e4tte ich sagen k\u00f6nnen, dass ich Universit\u00e4tsdozent war?<br \/>Der junge Taliban winkte mich zur Seite und befahl mir schroff, dort zu warten.<br \/>Mit seinem Handy rief er jemanden an und setzte anschlie\u00dfend die Kontrolle der \u00fcbrigen Reisenden fort.<\/p>\n<p>Einige Minuten sp\u00e4ter kam ein Taliban aus einem Container auf mich zu. Offenbar war er der Kommandeur des Kontrollpostens. Als ich ihn sah, glaubte ich, mein Herz w\u00fcrde stehen bleiben. Langes, schmutziges Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Ein ungepflegter, dichter Bart umrahmte sein Gesicht. Der Schnurrbart war abrasiert. Seine mit Kajal umrandeten Augen, die weite schwarze afghanische Kleidung und seine ganze Erscheinung verliehen ihm etwas zutiefst Furchteinfl\u00f6\u00dfendes.<\/p>\n<p>Als er vor mir stand, fragte er mich auf Paschtu: \u201eWoher kommst du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAus Farah.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo genau in Farah?\u201c<\/p>\n<p>Ich nannte den Namen meines Dorfes.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>\u201eKennst du Mullah Ghafur?\u201c<\/p>\n<p>Am liebsten h\u00e4tte ich gesagt:<\/p>\n<p>\u201eNein.\u201c<\/p>\n<p>Doch ich dachte bei mir, vielleicht war Mullah Ghafur selbst irgendwo in der N\u00e4he. Ich hatte mich l\u00e4ngst meinem Schicksal ergeben.<\/p>\n<p>Also antwortete ich:<\/p>\n<p>\u201eJa. Er ist der Mullah unseres Dorfes.\u201c<\/p>\n<p>Der Taliban-Kommandeur musterte mich pl\u00f6tzlich mit weit freundlicherem Blick.<br \/>Dann sagte er:<\/p>\n<p>\u201eBleib doch zum Mittagessen unser Gast. Danach rufen wir gemeinsam Mullah Ghafur an und unterhalten uns ein wenig.\u201c<\/p>\n<p>Ich erwiderte, dass Freunde bereits auf der anderen Seite der Grenze auf mich warteten.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich aus dem Iran zur\u00fcckkomme\u201c, sagte ich, \u201ewerde ich sehr gern dein Gast sein und auch mit Mullah Ghafur sprechen.\u201c<\/p>\n<p>Er nickte und fragte:<\/p>\n<p>\u201eWie hei\u00dft du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDawood.\u201c<\/p>\n<p>Ich nannte bewusst nur meinen Vornamen \u2013 in der Hoffnung, er w\u00fcrde nicht nach meinem Familiennamen fragen. Und tats\u00e4chlich tat er es nicht. Seit vielen Jahren hatte mein Familienname meinen Vornamen fast vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngt; selbst meine Angeh\u00f6rigen nannten mich kaum noch bei meinem eigentlichen Vornamen.<\/p>\n<p>Er zog sein iPhone hervor und w\u00e4hlte eine Nummer. In diesem Augenblick glaubte ich zu sterben. Meine Beine zitterten. Still betete ich, Mullah Ghafur m\u00f6ge den Anruf nicht entgegennehmen. Die Sekunden dehnten sich f\u00fcr mich zu einer Ewigkeit. Schlie\u00dflich steckte der Taliban das Telefon wieder in die Tasche und sagte mit einem Achselzucken:<\/p>\n<p>\u201eHeute hast du kein Gl\u00fcck. Unser Freund ist nicht rangegangen.\u201c<\/p>\n<p>Erst da konnte ich wieder frei atmen. Ich verabschiedete mich hastig von ihm und lief, so schnell ich konnte, der iranischen Grenze entgegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort Erster Teil: Sachsen \u2013 der r\u00e4tselhafte und vielschichtige Osten Ich war Weltb\u00fcrger &#8230; Jetzt, da ich \u00fcber jene Tage und N\u00e4chte voller Angst schreibe, durchzuckt ein stechender Schmerz mein Herz. Wirklich begreifen kann jene Zeit nur, wer den Krieg selbst erlebt hat. 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